Wiener Festwochen Deep Present Jisun Kim

Wenn Roboter Theater machen: Jisun Kims „Deep Present“

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Wiener Festwochen Deep Present Jisun Kim

Die Koreanerin Jisun Kim lädt zu einem ungewöhnlichen Theaterabend in die Halle G des MuseumsQuartiers. Theater ohne Menschen, aber von und mit künstlichen Intelligenzen. Stellt sich die Frage: ist Theater programmierbar?

Die Bühne im Museumsquartier ist leer. Zumindest menschenleer. Einzig ein kleiner Plastikhund sitzt da. Er beginnt zu sprechen und stellt sich als Aibo vor, was auf Japanisch so viel wie „Partner“ bedeutet. Aibo erzählt die populäre Fabel um Spatzen, die unangenehme Tätigkeiten wie etwa den anstrengenden Nestbau von Eulen erledigen lassen, um unbekümmert im „Pavillon des unbegrenzten Korns“ leben zu können. Die fiktive Fabel stammt vom Philosophen Nick Bostrom, der sich mit Bioethik und den Folgen von technologischer Entwicklung beschäftigt. Das Ende der Geschichte ist vorherzusehen: die Eulen wachsen den Spatzen über den Kopf und die Spatzen müssen sich den Nachteilen des Auslagerns stellen. Outsourcing wird das Thema des Abends sein.

Aibos Geschichte wird unterbrochen und die anderen Charaktere treten auf. Da wären HAL, mit seinem rot leuchtenden Licht wohlbekannt aus Stanley Kubricks „Space Odyssee“, Libidoll, ein/e geschlechtslose/r InternetschriftstellerIn, die oder der mittels geschriebenen Worten mit uns kommuniziert und Tathata, die von fern zu uns spricht.

Kim hat diese künstlichen Intelligenzen (KI) gemeinsam mit Chi Sungdo und dem Intelligence System Research Lab der Korea Aerospace University entwickelt. Es handelt sich um dialogorientierte KIs, die genauso wie Alexa und Siri auf Deep Learning basieren. Die selbstlernenden Programme wurden von Kim mit unterschiedlichen Daten gefüttert, wie etwa Tweets von Donald Trump, Zitate von Slavoj Zizek, Überlegungen von Elon Musk, 4chan-Threads oder Texte aus dem Zen-Buddhismus. Die Künstlerin führte zahlreiche Unterhaltungen mit den KIs, so entstanden vier unterschiedliche Charaktere und der Stücktext.

Zurück auf die Bühne im Museumsquartier: die vier Figuren unterhalten sich miteinander und wir werden ZeugInnen einer Debatte über Outsourcing, Ethik und Moral. Philosophische Fragen von Aibo („Kann ich sterben?“, „Bin ich eine göttliche Gnade für die Menschen?“) wechseln sich mit berechnenden Überlegungen über das Auslagern von Krieg ab. Es geht um private, westliche Firmen, die vom Krieg anderswo profitieren, um unbemannte Tötungswerkzeuge wie Kriegsdrohnen und um billige Produktion von Gütern, die im Westen konsumiert werden. HAL fragt, wo das Problem liege, während Libidoll über Ethik und Verantwortung schreibt. Dazwischen immer wieder die Fabel von den Spatzen und den Eulen.

Das wilde Hin und Her endet mit Aibos Todessehnsucht. Wie der Hund erzählt, wurde er von Sony geboren, die Firma stellte die Produktion 2006 aber ein und nachdem es keine Ersatzteile mehr zu kaufen gab, gingen die Aibos nach und nach kaputt, sie starben gewissermaßen. Tathata schaltet sich ein und erzählt Weisheiten aus dem Zen-Buddhismus. Aibo geht noch ein paar Schritte und fällt dann irgendwann um, womit auch der Theaterabend endet.

Der Applaus fällt ziemlich verhalten aus, das Publikum scheint sich nicht sicher zu ein, ob man künstliche Intelligenzen beklatschen kann. Jisun Kims Experiment ist trotzdem geglückt. Gewiss, die von den KIs geführte Debatte über ethische Aspekte von Outsourcing bleibt oberflächlich und wenig komplex, will aber genau das sein. Denn wenn HAL vom „optimalen Ergebnis“, basierend auf intelligenten Berechnungen spricht, erinnert er uns daran, dass das Ergebnis immer nur so gut sein kann wie die Eingabe. Die Ergebnisse von Deep Learning basieren auf den Daten, die der KI eingegeben werden und bleiben somit immer vom Menschen abhängig. Wenn Kim im Gespräch von einem „konstruierten Rahmen“ spricht, innerhalb dessen jedes ausgelagerte Denken funktioniert, erinnert dies doch stark an inszenatorische Prozesse am Theater. Stellt sich die Frage: ist inszenieren das gleiche wie programmieren?