Wiener Festwochen Gisèle Vienne Crowd

Ravespotting: Gisèle Viennes „Crowd“

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Wiener Festwochen Gisèle Vienne Crowd

Die französisch-österreichische Künstlerin Gisèle Vienne mischt bei den Wiener Festwochen Choreographie und Clubkultur zu einem Fest der Langsamkeit mit 138 BPM.

In der Panorama Bar im Berliner Club Berghain ist es dann am schönsten, wenn am Morgen die Jalousien aufgehen und der gesamte Raum mit Licht geflutet wird. Alle intimen Momente werden für diesen Augenblick öffentlich und sichtbar. In „Crowd“ von Gisèle Vienne ist das Licht immer an. Die 15 TänzerInnen legen dem Publikum in Slow Motion alle Emotionen offen, die in einer langen Nacht an einem vorbeiziehen und entfalten dabei ein rauschhaftes Tableau vivant.

Der Bühnenboden in den Gösserhallen ist bereits vor Auftritt voll mit alten Bierdosen und Plastik. Und auch die TänzerInnen betreten schmutzig und durchnächtigt den Raum. „Crowd“ ist keine chronologische Erzählung, sondern eine fluide Interpretation von Zeit. So ist das Kostüm ein recht guter Abriss von heutigen Kleidungsstilen, das Durchschnittsalter der TänzerInnen wird kaum über 23 liegen. Die Musik kommt mit wenigen Ausnahmen jedoch aus den 90ern und beinhaltet Tracks von Jeff Mills oder Underground Resistance. Historische elektronische Musik, die immer im Jetzt bleibt oder eben – um das Motto des donaufestivals 2018 zu zitieren – absolute Gegenwart erzeugen kann. Zusammengestellt und gemixt hat das Ganze der in Wien lebende Peter Rehberg, auf dessen Label Editions Mego unter anderem Musik von Jung an Tagen, Philipp Quehenberger und sein eigenes Alter Ego Pita veröffentlicht wird.

Wiener Festwochen Gisèle Vienne Crowd

„Crowd“ ist diesen Sommer eines der meist tourenden Stücke in ganz Europa und wird in diversen Theatern gezeigt, doch in den Gösserhallen kommt das 90er-Ravekultur-Feeling, in der leere Industriegebäude noch besetzt werden konnten wirklich auf. Kennen tut ein Großteil des Publikums diese Atmosphäre nur noch von Found Footage auf YouTube. Was in diesen Nächten aber kaum mit Kameras dokumentiert werden kann, sind diese nonverbalen kleinen Narrative oder wie sich Menschen als Gruppe begegnen. Doch genau das Organisieren von Körpern und Spannungen gehört zu Gisèle Viennes Stärken und sorgt für die schönsten Momente des Stücks. Dann ist „Crowd“ ein bisschen so, als würde man sich mit der Zigarette an den Rand der Tanzfläche stellen und einfach das Treiben beobachten.

Aber es sind auch die kleinen Blicke und Gesten der TänzerInnen, die einen großen Teil zu diesen Momenten beitragen. Die losen Identitäten basierend auf einer Art Subtext von Autor Dennis Cooper, mit dem Gisèle Vienne ebenso wie mit Rehberg eine lange Arbeitsbeziehung durch verschiedene Medien pflegt, treffen in diesen 90 Minuten immer wieder aufeinander. Es ist eine Sehnsucht nach Nähe, deren Erfüllung immer wieder durchkreuzt werden Trauer und Aggression, aber sich manchmal sogar in Intimität verwandeln kann. Diese artifiziellen Emotionen und Mikroerzählungen üben über weite Strecken einen unheimlichen Sog aus, bei dem man sich, wie beim Tanzen, selbst vergessen kann.

Wiener Festwochen Gisèle Vienne Crowd

Den großen Rahmen bildet allerdings das, was Club und Theater beziehungsweise Tanz gemeinsam haben: das Rituelle. Ausschluss und Vereinnahmung formen hier kollektive Erfahrung und zeigen, wie sich Gemeinschaften formen. So sind die Momente der Synchronität gleichzeitig die schwächsten und erinnern teilweise an Michael Jacksons Thriller-Video, auch wenn sie als Bildmontagen streckenweise gut funktionieren. Für die intensivsten Momente von „Crowd“ sorgen dagegen die langsamen, zeitlosen und unwirklichen Bewegungen. Der Raum wird dann zu einer Leinwand, auf der mit Körpern, Farben, Rauch und Bier gemalt wird.

Gisèle Vienne erzählt hier auch etwas über Bilder und wie sie heute wahrgenommen werden. Mal werden die Körper zu GIFs, mal wirken die Gesichter wie Memes, mal entsteht ein Standbild vor dem Publikum, in dem sich nur eine einzige Person bewegt. Die anachronistische Technoparty wird eine digitale Aufnahme, eine Instagram-Story, durch die man sich am Morgen danach durchswiped.

In der Panorama Bar ist Fotografieren und Filmen verboten. Im Theater übrigens auch. Aber so ganz verkehrt ist die heimliche Aufnahme ja dann doch nicht. In 20 Jahren wird sich schon wer nostalgisch durch YouTube klicken.