Tanzquartier Wien Rakete Oona Doherty by Simon Harrison

Rakete: Tanz und Performance einer neuen Generation

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Tanzquartier Wien Rakete Oona Doherty by Simon Harrison
Oona Doherty

Das Tanzquartier Wien präsentiert mit dem Schwerpunkt Rakete eine junge Generation von Performance-KünstlerInnen im Schnelldurchlauf.

Das Tanzquartier Wien bietet einer neuen Generation von internationalen ChoreographInnen und PerformerInnen eine Bühne und zeigt unter dem Schwerpunkt Rakete vielversprechende junge Ansätze. Ohne große Unterbrechungen folgen an einem Abend drei Produktionen aufeinander, die von Tanz zu Wortspielen bis hin zu filmischen Auseinandersetzungen reichen und mal länger, mal kürzer dauern. Die BesucherInnen werden dabei auf unterschiedliche Weise herausgefordert und begeben sich auch schon mal auf eine Entdeckungsreise durch die seit Kurzem in zartem Rosé strahlenden Räumlichkeiten des Tanzquartiers Wien. An jeweils zwei Abenden ist das Rakete-Programm zu erleben: am 3. und 4. Mai die Darbietungen von Oona Doherty, Andrea Zavala Folache und Anna Prokopová / Costas Kekis / Andrea Gunnlaugsdottír sowie am 10. und 11. Mai die Performances von Mzamo Nondlwana, Sigrid Stigsdatter Matthiassen und Stefan-Manuel Eggenweber.

Tanzquartier Wien Rakete Oona Doherty by Simon Harrison
Oona Doherty

Ein Bericht vom ersten Raketen-Abend: Der Abend am 3. Mai beginnt mit Oona Dohertys „Hope Hunt & The Ascension into Lazarus“, Teil des gefeierten Tanzzyklus „Hard to be Soft“.Wir werden gebeten, das Gebäude zu verlassen und begeben uns in den Innenhof des Museumsquartiers, um das Einfahren eines Mercedes zu beobachten. Das Auto fährt auf die Menge zu, hält abrupt an und Doherty steigt begleitet von lauter Musik aus. Mit beeindruckender Stärke beginnt ein Tanz, der sich mitunter in die Menge hinein bewegt, konfrontiert und uns wieder hinein ins Theatergebäude drängt. Die expressive Tanzbewegung ist durchsetzt von Textfragmenten, die stichwortartig auf männliche Gewalt und Fehlverhalten verweisen, wie etwa das Stichwort „Köln“ oder das Nachpfeifen und Beschimpfen von Frauen auf der Straße. Auch verschiedene Tanzstile werden wild durchmischt, es finden sich Bruchstücke aus dem klassischen Ballett genauso wie aus dem Breakdance. Der Assoziationsritt endet mit einem Schrei nach Hoffnung und so etwas wie einem langsamen Tod. „Hope Hunt“ist weder anklagend noch verharmlosend oder übertreibend. Mit vollem Ernst und Körpereinsatz dekonstruiert Doherty die leeren und überzogenen Gesten toxischer Männlichkeit, die im Hier und Jetzt neu verhandelt werden müssen.

Danach begeben wir uns auf eine kleine Entdeckungsreise durch die renovierten Räumlichkeiten des Tanzquartiers. Es geht Treppen hinauf und hinunter, durch die Bibliothek und die Büros hindurch. Am Ende der Reise lässt sich gar nicht mehr so genau sagen, wo wir eigentlich gelandet sind. Im Studio wartet schon Andrea Zavala Folache auf uns und wir nehmen Platz. „Some“beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Subjekt und Objekt und fordert das Publikum heraus, sich mit der eigenen Position zu beschäftigen. Zavala Folache bewegt sich zwischen im Raum verteilten Materialien, zahlreichen Kameras und einem Bildschirm und öffnet in diesem Setting einen Referenzraum, der an Fernseh- und Kinoproduktionen sowie an Malerei erinnert. Die Performerin begegnet den Kameras, inszeniert sich mal für den Bildschirm, mal für das anwesende Publikum und platziert ihre Partnerinnen wie Objekte im Raum. Als Zavala Folache den Bühnenraum verlässt, beobachten wir sie dank Kameraübertragung beim Erforschen von Lagerräumen, was einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Mit Referenzen stark überladen, bleibt „Some“doch eine Geste, die mehr Fragen aufwirft, als sie verhandelt.

Tanzquartier Wien Rakete Andrea Zavala Folache by Matija Lukic
Andrea Zavala Folache

Im Anschluss wird die Reise durchs Tanzquartier Wien fortgesetzt: Wir finden uns im Studio wieder, das zu Beginn von Oona Doherty bespielt wurde. Anna Prokopová, Costas Kekis und Andrea Gunnlaugsdottír präsentieren mit „Knuckles become clouds“eine Skizze ihrer aktuellen Arbeit, die sich mit den Beziehungen und der Kommunikation von Subjekten beschäftigt. „Knuckles become clouds“ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit den Potenzialen von Stimme und thematisiert alltägliche Handlungen und das Zusammentreffen mit anderen. Unter Einsatz ihrer Körper verschmelzen nach und nach nicht nur die Bewegungsabläufe, sondern auch die Stimmen der drei PerformerInnen und so nähern sie sich immer weiter an. Körperliche und lautliche Äußerungen fließen zusammen und werden zu einer Einheit. „Knuckles become clouds“stellt die Frage, was uns mit unseren Mitmenschen verbindet.

Rakete ist ein vielversprechendes neues Format des Tanzquartiers Wien, das mehrere Performances an einem Abend kombiniert. In kurzer Zeit zeigen unterschiedlichste KünstlerInnen ihre Arbeiten, die mitunter so verschiedene Ansätze präsentieren, dass ein dynamisches Reflexionsfeld auch zwischen den Produktionen entsteht. Unbedingte Empfehlung für die kommenden Termine am 10. und 11. Mai!

Text von Wera Hippesroither
Fotos (1 & 2) von Simon Harrison und (3) von Matija Lukic