Wiener Festwochen Dries Verhoeven Phobiarama Willem Popelier

Phobiarama: Von einem, der auszog das Fürchten zu lehren

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Wiener Festwochen Dries Verhoeven Phobiarama Willem Popelier

Auf dem Vorplatz des Museumsquartiers sprießte vor einigen Tagen ein großes schwarzes Etwas aus dem Boden: Dries Verhoevens Phobiarama, eine Gesterbahn der gesellschaftlichen Ängste im Rahmen der Wiener Festwochen.

Theater ist seit seinen antiken Anfängen eng mit der Lust an der Angst verknüpft. Wie man diese Angst aushält? Dank der Schaulust, die die Angst in den Hintergrund rückt. Denn das, was hier zu sehen ist, ist ja nur inszeniert und nicht wirklich. Dries Verhoevens „Phobiarama“ widmet sich diesem Zusammenhang und führt uns vor Augen, dass die medialen Bilder, die wir als Gesellschaft mit Angst verbinden, auch nur inszeniert sind.

Wiener Festwochen Dries Verhoeven Phobiarama Willem Popelier

„Phobiarama“ ist kleinen Gruppen von jeweils 20 Personen, die dazu in Paare eingeteilt werden, zugänglich. Betreten wird die immersive Installation über eine Tür, hinter der ein Autodrom-Wagen auf Schienen, aber ohne Lenkrad wartet. In völliger Dunkelheit geht die Fahrt los und das Gefühl in der Magengrube ist mehr als flau. Wir befinden uns auf einer endlosen Fahrt im Kreis, vorbei an flackernden Fernsehbildschirmen, die sich später in Überwachungs-Monitore verwandeln werden, es dröhnen aus allen Ecken Wortfetzen, die zunehmend deutlicher werden. Donald Trump ist zu erkennen, genauso wie die Stimmen von Heinz-Christian Strache oder Sebastian Kurz. Sie alle sprechen über Krieg und die Bedrohung durch die sogenannten „Fremden“.

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Diese Bedrohung tritt dann auch auf. Zuerst sind es große Bären, die uns mit ihren gewaltigen Krallen sehr nahekommen oder plötzlich hinter Ecken hervorspringen und für einige Schreckmomente sorgen. Als sich die Bären dann häuten, stecken darunter schaurige Clowns mit hämischen Gesichtern, die uns verfolgen und nachlaufen. Als sich diese wieder entkleiden, kommen halbnackte Männer zum Vorschein, die stereotypisierte Merkmale „des Fremden“ tragen. Als die Wägen innehalten und der ehemals furchteinflößende Bär als fast nackter ausländischer Mann vor uns steht, das Clownskostüm fein säuberlich gefaltet in der Hand hält und uns lange in die Augen starrt, sorgt dies für den stärksten Moment der Produktion. Hier wird klar: Im großen bösen Bären steckt ein närrischer Clown steckt einer, der „anders“ ist. Die Angst ist vielschichtig und eine vollkommen konstruierte. Hält der Performer mit dunkler Hautfarbe und nur noch mit einer Unterhose bekleidet, sein Kostüm in der Hand, ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl: Das ist nicht echt! Nichts ist hier echt. Nicht einmal der Hund, dessen Gebell wir zwar hören können, dessen Bild auf dem Überwachungsmonitor aber fake ist.

Wiener Festwochen Dries Verhoeven Phobiarama Willem Popelier

„Phobiarama“ spielt mit der Zurschaustellung von Inszenierungsmechanismen und wirkt auf diese Weise demaskierend und dekonstruierend. Was viele meiner Kritiker-KollegInnen als platte Klischee-Parade wahrnehmen, will genau das sein. Die oberflächlichen Klischees und stereotypen Darstellungen in Verhoevens Geisterbahn sind nichts anderes als das und zeigen uns so, wie lächerlich unsere gesellschaftlich anerkannten Angstbilder eigentlich sind. Denn die Bären-Clowns-Fremden sind zwar angsteinflößend, wirken nach der zehnten Runde im Kreis in ihrer Überspitztheit dann aber doch lächerlich. Hier darf sich gegruselt werden, hier entsteht echte Angst. Vor allem darf hier geschaut werden. Gesellschaftliche Mechanismen der Angstmache funktionieren genauso wie theatrale, nämlich über ihre mediale Art und Weise der Inszenierung. In diesem Sinne ist Verhoevens Geisterbahn eine gelungene Ode an die Angst und führt mittels Schaulust vor Augen, worauf wir eigentlich wirklich blicken, wenn im Fernsehen oder im Internet mal wieder von politischen Sicherheitsmaßnahmen und Terrorbedrohung die Rede ist.

Text von Wera Hippesroither
Fotos von Willem Popelier