Maruša Sagadin at Koenig 2 by Laura Schaeffer

Maruša Sagadin: She in Caps oder She in Capitals

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Maruša Sagadin at Koenig 2 by Laura Schaeffer
Maruša Sagadin

Die Künstlerin Maruša Sagadin im Gespräch mit Juliana Lindenhofer über Fake Fassaden, demokratische Säulen und ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie KOENIG2.

Du nennst deine Ausstellung „She in Caps“. Wie „SHE“?

Ja, sowie „SHE“! Oder wie „She in Capitals” oder wie “She is Capitalized”. Oder wie „She is Decapitated“. Aber nein… „SHE in Caps“, „SIE“ großgeschrieben und in Großbuchstaben!

In der Ausstellung ist die Arbeit „Das Herz in der Hose“ am deutlichsten als Säule erkennbar. Sie wirkt aber weniger stabil als die anderen. Lehnt sie sich ein bisschen an die Wand an?

In dieser Ausstellung ist sie die eindeutigste, weil sie vertikal ist. Sonst waren die Arbeiten „Doris“, „Terra Cotta, Panna Cotta“ eindeutiger als Säulen erkennbar, nur sind sie flach, umgelegt, daher erkennt man die Säulenform nicht unbedingt. Macht aber nichts. Grundsätzlich spielen sie aber alle gegen den repräsentativen Charakter einer Säule an. Sie sind demokratischer und bieten einen Hochglanzuntergrund zum Sitzen, Trinken und Schlafen. Eine spiegelnde Oberfläche mit Lippenstift, Halskette und High-Heels. Die Arbeit „Das Herz in der Hose“ lehnt sich nur vermeintlich an die Wand, sie steht nämlich von alleine. Alleine das Herz und der Arsch sind miteinander verschmolzen.

Maruša Sagadin at Koenig 2 by Laura Schaeffer
Maruša Sagadin, Das Herz in der Hose

Billiges Holz bekommt bei dir eine dicke Hochglanzfassade und ist dann als solches nicht mehr erkennbar. Eine Fake-Glasfassade, eine Milli-Vanilli-Glasfassade?

Ich verwende dieselben Materialien für die Skulpturen im Außenraum wie im Innenraum. Das was man im White Cube bekommt, bekommt man auch auf der Straße. Was drinnen vielleicht unzugänglich erscheint, steht draußen in derselben Qualität zur freien Verfügung. Der Hochglanzlack ist wie ein Make-Up, eine Schminke. Ein Imitat der Glas- und Spiegelfassaden der Hochhäuser. Meine eigene hochpolierte Motorhaube.

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Maruša Sagadin, Milli Bofilli

„The base is a sculpture about a base, and the vase is a sculpture about a vase”, sagte die kürzlich verstorbene Betty Woodman.

Ich kenne Betty Woodmans Praxis nicht sehr gut und auch nicht sehr lange. Aber was ich an den Amerikanerinnen so mag ist, wie sie über Arbeiten sprechen. Und in einem dieser lockeren, offenen und persönlichen Interviews über ihre Arbeit verweist Woodman blickend auf die Keramiken, die sie an Wänden, auf Teppichen und Esstischen platziert – auch auf Brancusi ­– und verpackt es in dieses schöne Wortspiel. Ja, das Verschmelzen von Sockel und Objekt, das interessiert mich. Wie bei den Säulen, da weiß man auch nicht, ist die Basis, der Bauch, das Kapitell oder das, was von denen getragen, am wichtigsten.

Maruša Sagadin at Koenig 2 by Laura Schaeffer
Maruša Sagadin, A Happy Hippie (Happy stories are all happy in the same way and unhappy each in their own way)

In deinem Ausstellungstext von Paul Knight gibt es Verweise zu den Architekten Ernő Goldfinger und Ricardo Bofill, in deiner Skulptur „Extra Extra Elle“ beziehst du dich auf Zaha Hadid. „A Happy Hippie (Happy stories are all happy in the same way and unhappy each in their own way)” erinnert an ein Modell einer utopischen Stadt – in rosa Strumpfhosen.

Ich mixe die Referenzen immer wild miteinander, und interpretiere auch Literatur frei und wie ich es will, soll man ja auch dürfen, denke ich. Ich bin mir sicher, dass einige den Spruch von Tolstois „Anna Karenina“ im Titel sofort erkennen. Der spanische Architekt Bofill hat – wie viele andere – nur einige seiner utopischen Überlegungen schlussendlich in ein Gebäude übersetzen können; in seinem orangenen Wohnbau in Barcelona hat er Räume nicht nach heteronormativen Vorstellungen geplant, sondern die Wohnungen in flexible Grundrisse aufgeteilt, für eventuelle Patchwork Familien und die Gänge und Lichthöfe nach Intellektuellen benannt. Also eine alternative Gesellschaftsform in den 60er und 70er Jahren in ein Gebäude übersetzt – A Happy Hippie… und mit dem Glück in der Familie ist es halt so eine Sache. Anna Kareninas Prinzip lautet ja ursprünglich: „Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way.”

Die Farben deiner Kleidung entsprechen oft denen deiner Skulpturen.

Manchmal ähnele ich sogar ganzen Räumen, wie hier dem Eingangsbereich des „People‘s Palace“ in London.

Maruša Sagadin at Koenig 2 by Laura Schaeffer
Maruša Sagadin, Doris / People's Palace

Ein Chippendale!

Bei deinem Ausstellungsbesuch hast du gleich „Chippendales“ gesagt! Obwohl es auf dem Poster in der Einzahl ist. Es ist ein Stuhl, ein Remix aus dem Möbeldesigner Chippendale und einem Körperteil eines Chippendales. Da musste ich stark an das Foto von Louise Bourgeois denken, auf dem sie mit einer Skulptur unter ihrem Arm – eindeutig als Penis erkennbar – posiert. Die Skulptur trägt den Titel „Fillette“, „das kleine Mädchen“ auf Französisch.

Text von Juliana Lindenhofer
Fotos von Laura Schaeffer und Maruša Sagadin

Maruša Sagadins Ausstellung „She in Caps“ ist bis 3. März 2018 in der Galerie KOENIG2 by_robbygreif zu sehen.