Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin

viennacontemporary 2017: Christina Steinbrecher-Pfandt im Interview

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Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin
Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin

Wir sprachen mit Christina Steinbrecher-Pfandt, der künstlerischen Leiterin der Messe viennacontemporary, über Wien, Heimat und die Galerie der Zukunft.

Wie wurde Ihr Interesse an Kunst geweckt?

Ich hatte das Glück in Köln Abitur zu machen. Dort habe ich Mitte der 1990er eine Ausstellung von Keith Haring gesehen, die mich sehr bewegt hat. Den Ausschlag hat aber die erste Ausstellung von Kaspar König als neuen Direktor des Museum Ludwig gegeben, die erste Schau von Matthew Barney in Europa. Ich war von der Bildsprache und Form wie verhext. Seitdem bin ich im Kunstrausch.

Wie kann man sich den Job als „künstlerische Leiterin“ einer Kunstmesse vorstellen?

Ich liebe meinen Job. Er ist unglaublich abwechslungsreich und fordernd. Man muss sich als Mensch und als Spezialistin einbringen. Meine Aufgabe besteht darin einen roten Faden in die Ausstellung, den Inhalt und die Erzählung der Messe zu bringen. Ich darf mit GaleristInnen, SammlerInnen, BeraterInnen und Museen und Partnern der Messe zusammenarbeiten.

Sie selbst haben an vielen Orten gelebt und gearbeitet. Ist man als Mensch heute heimatlos oder hat man derer viele?

Ich habe gelernt, dass Heimat viele Gesichter haben kann. Es muss nicht unbedingt der Ort sein, an dem man aufgewachsen ist oder die meiste Zeit verbracht hat. Gelernt habe ich an allen Orten ein Heimatgefühl aufzubauen. Wien ist mein Zuhause.

Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin
Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin

Einerseits steckt in der Spitze des Kunstmarkts viel Geld, andererseits könnte auch die viennacontemporary ohne Förderungen nicht existieren. Wie erklären Sie das?

Wir bedienen ein anderes Raster des Kunstmarktes. Wir sind eine etablierte EntdeckerInnenmesse mit dem Fokus auf Osteuropa. Dieser Schwerpunkt macht ungefähr 30% der Aussteller aus. Der osteuropäische Markt ist in einem anderen Entwicklungszustand als Westeuropa und hat eine andere Dichte. Außerdem hat sich Wien in den letzten Jahren zunehmend als Platz für eine internationale Kunstmesse etabliert.

Wie sieht die Galerie der Zukunft aus? Gibt es sie überhaupt?

Ja, ich sehe ganz klar eine Zukunft für Galerien. Diese sind sehr effektiv und online-affin.

„Wie viele Biennalen braucht die Welt?“ – Wie beurteilen Sie die Eventisierung der Kunstwelt, woran natürlich auch Kunstmessen ihren Anteil haben?

Es lässt sich nicht umgehen. Menschen haben immer weniger Zeit und brauchen immer mehr Gründe, um eine Reise anzutreten. Daher bieten sich für diese Konsumenten Formate an, die genau geplant sind. BesucherInnen nehmen diese Formate gerne an. Kunstmessen nehmen daran genauso Teil und wir versuchen unser Produkt mit Standort so punktgenau darzustellen wie es geht.

Wien ist derzeit in aller Munde. Kann der Hype langfristig für die Kunst genutzt werden?

Das herausstechende an Wien ist, dass alles da ist. Nichts ist hinzugedichtet. Deshalb sehe ich es nicht als Hype sondern als Fakt, dass Wien nun die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient.

Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin
Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary. Foto von A. Murashkin

Eine der diesjährigen Sonderschauen ist „Focus: Hungary“. Wie gut funktioniert die Verbindung des west- und zentraleuropäischen Marktes?

Inzwischen funktioniert diese Verbindung immer besser. Bei „Focus: Hungary“ freue ich mich besonders, denn es ist vor allem die Leistung der Galerien, dass die Neo-Avantgarde bereits Aufmerksamkeit erfahren hat. Ausstellungen in London und in New York haben  schon großes Interesse bei KunstsammlerInnen und KuratorInnen wecken können.

Was können Sie über die Sonderschauen „Nordic Highlights“ und „Solo & Sculpture“ erzählen?

„Nordic Highlights“ ist eine wunderbare Kooperation, die natürlich gewachsen ist. Timothy Person ist Mitglied unserer Zulassungskommission, Berliner Galerist und persönlich mit Finnland verbunden. Da es immer schon eine sehr gute Beziehung zwischen Wien und den nordischen Ländern gegeben hat, haben wir den Austausch nun auch auf der Ebene der Kunst formalisiert. Bei „Solo & Sculpture“ kann man mit den Augen von KuratorInnen Kunst betrachten. Es ist ein neues Format, das wunderbar funktioniert. Ich freue mich sehr, dass Miguel Wandschneider dieses Jahr diese Sonderschau kuratiert. Die Liste der teilnehmenden KünstlerInnen ist beeindruckend.

Was können wir von der dritten Ausgabe der viennacontemporary sonst noch alles erwarten?

Ich freue mich auf die Präsentation von zehn Positionen österreichischer beziehungsweise in Österreich ausgebildeter KünstlerInnen im Rahmen unseres bewährten Formats „ZONE1“. Ebenfalls freue ich mich auf die Film- und Videopräsentationen „Cinema“ zum Thema „Mein kleines Glück“. Mit großer Spannung erwarte ich auch die Gespräche und Diskussionen, die heuer wieder von Kate Sutton kuratiert wurden und die unter dem Titel „Borderline“ die vielen Veränderungen mit denen europäische Kunstinstitutionen heute konfrontiert sind, behandeln. Und natürlich auch der „VC Cult Tech Hackathon“, den wir ins Leben gerufen haben. Wir wünschen und erwarten uns ein gutes Resultat für unsere Aussteller. Wir haben ein eng ausgearbeitetes Programm, das unsere Galerien und den Kulturstandort Wien in den Fokus stellt.

Text von Christian Glatz

Die dritte Ausgabe der Kunstmesse viennacontemporary findet vom 21. bis 24. September in der Marx Halle Vienna statt.