The Future of Demonstration

The Future of Demonstration entwirft Vorstellungen von der Zukunft

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The Future of Demonstration
Christoph Müller, bAm - swarmintelligent architectural robot module, 2017.

„The Future of Demonstration“ präsentiert ihre erste Staffel vom 31. Oktober bis 11. November 2017 in den Räumlichkeiten des Reaktors. Wir sprachen mit den künstlerischen Leitern Sylvia Eckermann, Gerald Nestler und Maximilian Thoman über die ungewöhnliche Form der Kunstserie, sowie über Vermögen und Zukunft.

Das Kunstfestival „The Future of Demonstration“ überrascht in seiner Form: Es ist auf zwei Jahre angelegt und in zwei Staffeln mit jeweils fünf Episoden aufgeteilt. Welche Idee steckt dahinter?

Das Fernsehen ist tot! Es lebe das Fernsehen! Serien wie „Homeland“ oder „Game of Thrones“ bringen wieder ein Millionenpublikum vor den TV Apparat. Die Medien haben sich schon immer an der Kunst bedient. Jetzt bedienen wir uns des Fernsehens und borgen uns Begrifflichkeiten und Format. Wir sprechen von einer Kunst-Serie, die 2 Staffeln hat mit je 5 Episoden. Jede Staffel hat ein Leitmotiv, 2017 ist das „VERMÖGEN“. Dieses Leitmotiv fächert sich in den 5 Episoden auf und wird in seiner Bedeutungsvielfalt „demonstriert“. Daher auch der Titel der zweijährigen Kunstserie „The Future of Demonstration“. Die Mitwirkenden arbeiten auf Basis ihrer jeweiligen Kompetenzen und Erfahrungen zusammen, bilden Allianzen, um gemeinsam der Frage nachzugehen, was die Formate, Werkzeuge, Diskurse und Plattformen der Kunst des 21. Jahrhunderts vermögen.

Filmische Werke, die live auf „OKTO TV“ gesendet und im Internet gestreamt werden, begleiten die performativen Abendveranstaltungen jeder Episode. Die Filme sind nicht dokumentarisch, sondern eigenständige künstlerische Arbeiten, die Streaming als Kunstform realisieren. Sie werden von je einer Film- bzw. VideokünstlerIn in Zusammenarbeit mit ihrem Episode-Team, Filmprofis und „OKTO TV“ umgesetzt. Nach Ende ihrer Episode werden sie Teil der Ausstellung, das Publikum kann nun jede Episode als Installation und als Film rezipieren. Statt einer klassischen Dokumentation wird „The Future of Demonstration“ schlussendlich zu einer Web-Serie mit 2 Seasons und je 5 Episoden.

Im Pressetext kündigen Sie an, „die klassische Trennung zwischen Ausstellung und Symposium bzw. Praxis und Diskurs“ aufzuheben. Was bedeutet das konkret?

Wir sind der Meinung, dass sich diese Trennung aus verschiedensten Gründen totgelaufen hat. Hier ist nicht der Platz, das näher zu argumentieren, aber für uns sollten die wesentlichen und interessanten Fragen unserer Zeit übergreifend angegangen werden. Wir finden, dass es spannend ist, Kompetenzen aus verschiedenen Feldern zusammenzuspannen, die sonst meist getrennt auftreten. Also haben wir KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, TheoretikerInnen und andere ExpertInnen eingeladen, gemeinsam Projekte – die Episoden – zu entwickeln und zu realisieren.

Welche Ziele möchten Sie mit dem Festival erreichen?

Wir versuchen mit unserem Format, neue Formen künstlerischer Praxis herauszuarbeiten. Was bedeutet es heute, Kunst zu machen und inwieweit sollten wir dafür existierende künstlerische Zugänge überschreiten? Außerdem ist „VERMÖGEN“ für uns nicht nur das Leitmotiv, es ist auch die bestimmende, emphatische Energie dieses kollektiven Experiments. Die Kunstserie ist somit eine Einladung an Mitwirkende und Publikum, gemeinsam spannungsvolle und gleichzeitig unterhaltsame Demonstrationen zu feiern. Und dabei auszuloten, was wir miteinander tun und erreichen können.

The Future of Demonstration
Thomas Feuerstein, PROMETHEUS DELIVERED, 2017, Marmor, Bakterien, Scherenhubtisch, Schläuche.

Welche Rolle kann Kunst bei der Gestaltung der Zukunft einnehmen?

Die Karten des Vermögens werden heute neu gemischt. Besitz und Verwertung von Daten begründen neue Vermögen, Algorithmen und Automatisierung dringen tief in gesellschaftliche Prozesse ein. Unsere Wirklichkeit beruht zunehmend auf quantitativen Modellen, die Realität simulieren und vorausberechnen. Das hat tiefgreifende Veränderungen zu Folge, so vermittelt sich beispielsweise Macht immer weniger über klassische repräsentative Formen, sie agiert zunehmend mittels performance-basierter Evaluierung. Im Informationskapitalismus verschieben sich die Handlungsräume und selbst kritisches Denken als Mittel der Infragestellung wird für Wettbewerbsvorteile politischer und wirtschaftlicher Akteure instrumentalisiert. „The Future of Demonstration“ stellt diese Entwicklungen nicht nur in Frage – vielmehr geht es uns darum, Bilder, Geschichten, und Techniken zu (er)finden, zu sammeln und zu teilen, die als Gegenentwürfe zu den umfassenden Modellen kompetitiver Wirklichkeitssimulation dienen können.

Sie definieren sich selbst als postdisziplinär und lehnen demzufolge die Kategorisierung von Kunst als Disziplin ab. Welche alternative Ordnung schlagen Sie vor?

Kunst ist keine Disziplin und wenn man daran interessiert ist, unterschiedliche Kompetenzen zusammenzubringen, ist es wichtig das klar zustellen. Gerade heute, wo künstlerische Forschung als Zugang immer stärker wird und damit einhergehend eine Akademisierung von Kunst im Sinne des Bologna-Prozesses stattfindet. Kunst hat ihre ganz eigenen Logiken und ist vor allem offen für die unterschiedlichsten Zugänge. Postdisziplinär heißt, dass im Raum der Kunst Begegnungen und Verbindungen stattfinden, die neue Sichtweisen hervorbringen können, weil sie nicht im Korsett einer Disziplin eingebunden sind.

Sylvia Eckermann, Gerald Nestler, wie ist es für Sie als KünstlerInnen in die Kuratoren-Rolle zu schlüpfen? Oder agieren Sie ihm Rahmen des Festivals auch als Künstler?

Wir sehen uns nicht als Kuratoren, denn das von uns entwickelte Format ist eine konzeptuelle, künstlerische Arbeit, die wir mit anderen gemeinsam realisieren bzw. die wir anderen übergeben, die darauf aufbauend ihre Episoden entwickeln. Es geht prinzipiell um Vertrauen, Respekt und das gemeinsame, gewollte Übernehmen von Risiko, denn ohne eine gewisse Risikoaffinität entsteht nichts Spannendes. Zu Beginn konfrontieren wir also KollegInnen aus Kunst und verschiedensten anderen Feldern mit unserem Konzept und laden sie ein, mitzuwirken. So entstehen die Kernteams jeder Episode, die dann wiederum andere ExpertInnen einladen, deren Mitwirkung sie als wichtig erachten. Es geht also einerseits darum, im Kollektiv zu arbeiten, aber gleichzeitig nicht im Sinne pseudodemokartischer Konsensformen. Es ist mehr eine Art Konglomerat in dem wesentliche Expertisen den Entwicklungsprozess stärken sollen. In diesem Prozess sind es jetzt über 100 Mitwirkende geworden, wobei wir unser Team dazuzählen, das für die Umsetzung extrem wichtig ist. Die Kunstserie mit ihren Episoden ist ein ständiger Prozess. Selbst für uns wird jeder Abend ein spannendes Erlebnis werden, denn was genau passieren wird, werden wir erst an den Abenden der Veranstaltungen erfahren.

The Future of Demonstration
The artist Sylvia Eckermann was invited by UNIQA Insurance Group to create a light installation for the LED facade of its headquarters in the Vienna‘s city center.

Die einzelnen Veranstaltungen werden im Fernsehen übertragen und live ins Internet gestreamt. Wird ein physischer Besuch überflüssig?

Die Wahrnehmung im physischen und im virtuellen Raum hat doch andere Qualitäten. Der selbstgewählte Blick, das Ansprechen aller Sinne, die physische Präsenz und vor allem das gemeinsame Erleben sind Qualitäten von Anwesenheit. Der „kuratierte“ Blick, der sich durch die Bildregie ergibt mit seinem eingespielten Zusatzmaterial und den Kameras, die bei den Episoden eingesetzt werden, um Räume und Handlungen zu zeigen, die dem Publikum vor Ort verschlossen sind, macht die mediale Übersetzung – den Stream – zu einer Erweiterung der rein physischen Erfahrung. Man kann also zwischen diesen Realitäten wählen und jeweils mit einer anderen Erfahrung rechnen. Die Verdoppelung und Verdichtung der Realität, wenn man das so nennen will, die wir heute durch Social Media, etc. ständig erfahren, ist somit Bestandteil von „The Future of Demonstration“. Für uns sind diese Filme, die während des Festivals entstehen, nicht dokumentarisch, sondern eigene Werke, die als Webserie bestehen bleiben. Wir produzieren keinen Katalog oder eine andere Dokumentation – wir ersetzen sie durch filmische Kunstwerke.

Für die zwei Festival-Staffeln wurden die Leitmotive „VERMÖGEN“ und „PASSION“ gewählt. Wie lassen sich die beiden Begriffe verbinden?

Vermögen ist ein Begriff, der zumindest die westliche Kultur stark geprägt hat. Auch wenn wir heute dabei meist an Geld, Besitz und ähnliches Denken, meint der Begriff kurz gesagt das Potential und die Fähigkeiten, die einen Menschen aber auch eine Gesellschaft auszeichnen. Dieser Aspekt des Begriffs verweist aber auf ein Vermögen zu Leidenschaft und Empathie – also zu Passion. Passion gibt Vermögen eine Richtung, lässt uns über uns hinauswachsen.

Darf ich Sie zum Abschluss um eine Zukunftsprognose bitten?

Im Gegensatz etwa zu Big Data oder der Finanzwelt bewegen wir uns nicht im Raum der Prognosen und anderer Evaluierungsformen. Für uns geht es darum, Zukunft aus geteilter Gegenwart heraus zu „erfinden“. Während diese anderen Felder Risiko streuen, sich dagegen versichern, es managen, seine Wahrscheinlichkeit berechnen und so weiter, sehen wir die KünstlerIn als jemanden, in der sich Risiko verkörpert. KünstlerInnen sind, wenn man so will, RisikoexpertInnen, indem sie sich in ihrer Arbeit in Auseinandersetzungen begeben – auch mit sich selbst, aber in Hinsicht auf Fragen, die unsere Zeit zutiefst betreffen. „Prognose“ wäre hier etwas ganz anderes, nämlich ein Vorwissen aus Erfahrung, das aber ständig im Prozess der Arbeit an seine Grenzen gebracht und erweitert wird. Wir möchten gemeinsam Fiktionen entwerfen, die Komplexität steigern, um im Raum des Realen neue Imaginationen zu öffnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Text von Christian Glatz