Samira Elagoz Impulstanz Festival 01

„Cock, Cock… Who’s There?“ – Samira Elagoz über Intimität und Gewalt im digitalen Zeitalter

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Samira Elagoz Impulstanz Festival 01
Samira Elagoz, "Cock Cock Who's There?". Courtesy of the artist.

Die finnische Performance-Künstlerin Samira Elagoz verarbeitet die eigenen Vergewaltigungserfahrungen auf ungewöhnliche Art und Weise und zeigt die Ergebnisse eines dreijährigen Film-Projekts in ihrer Performance „Cock, Cock… Who’s There?“.

Mittwoch Abend, Kasino am Schwarzenbergplatz. Samira Elagoz zeigt im Rahmen des Impulstanz Festival eine ungewöhnliche Performance, bei der sie sich auf zwei Ebenen präsentiert: als eine Art Moderatorin steht sie alleine auf der Bühne, auf der riesengroßen Leinwand hinter ihr ist sie als Protagonistin ihres „Projekts“ zu sehen. Die junge finnische Performance-Künstlerin und Regisseurin hat bereits zwei Vergewaltigungen erlebt und setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit dieser Erfahrung auseinander. Wie sie in der Bio auf ihrer Homepage selbst schreibt, sieht Elagoz ihr eigenes Leben als Material an, das filmisch und flexibel ausgestaltbar ist. In den vergangenen drei Jahren hat sie sich mit ihrer persönlichen Gewalterfahrung auseinandergesetzt und in Form ihres „Projektes“, wie sie es selbst nennt, unzählige Treffen mit fremden Männern unterschiedlichen Alters in verschiedenen Städten arrangiert. Elagoz nutzt verschiedene digitale Medien wie Chatroulette, Craigslist und Tinder, um sich kennen zu lernen. Ihr Interesse liegt darauf, wie sich Fremde begegnen und wie sich das allererste Kennenlernen gestalten kann. Jede Begegnung wird gefilmt und unterliegt ihren eigenen Regeln, die im Vorfeld kommuniziert werden. Elagoz nutzt die Kamera wie eine Art Auge auf sich selbst. Indem sie die ersten Zusammentreffen mit Unbekannten filmt, hält sie fest, wie diese Männer auf sie reagieren. Es geht ihr darum, zu erforschen, wie sie selbst wahrgenommen wird, wie sie auf Männer wirkt.

Samira Elagoz Impulstanz Festival 01
Samira Elagoz, "Cock Cock Who's There?". Courtesy Nellie De Boer.

Elagoz‘ Erzählungen über die Gestaltung des Projekts und ihre Herangehensweise werden immer wieder von Filmeinspielungen und Ausschnitten abgelöst. So zeigt sie sich von zwei Seiten und gibt einen Art Kommentar über die Erlebnisse im Rahmen des Projekts ab. Auch ihre Familienmitglieder und engen Freunde sind zu sehen, sie äußern sich zu den Vorfällen oder erzählen von eigenen Erfahrungen. Die filmische Ebene ist gefühlsbetont und antreibend gestaltet, beschallt immer wieder mit lauter berauschender Musik und Bildern in knalligen Farben, während Elagoz‘ Sprache auf der Bühne besonders ehrlich, persönlich und auffallend nüchtern wirkt. Elagoz scheint als Moderatorin auf der Bühne eine distanzierte Position einzunehmen und beeindruckt besonders, wenn sie von der unbequemen Wahrheit erzählt, dass die Vergewaltigungen als eine Art Katalysator für sie wirkten, ihre künstlerische Arbeit ermöglichten. Die Suche nach einer Bewältigungsstrategie hat zu der filmischen Studie über Repräsentation und Intimität geführt. Diese zentralen Themen werden auf die Spitze getrieben, wenn sie etwa auf Craigslist den Aufruf postet, fremde Männer in deren eigenen Wohnungen zu besuchen, um das Kennenlernen zu filmen. Was passieren wird, bleibt völlig offen. Viele der Unbekannten präsentierten sich mit besonderen Fähigkeiten, wie etwa Schauspielerei oder sogar Feuerspucken. Damit richtet Elagoz den patriarchalen Blick auf den Mann, kehrt den sogenannten „male gaze“ um. Sie beobachtet Männer durch die Kamera und schafft es so gleichermaßen, sich selbst und ihre Wirkung auf das Gegenüber zu beobachten. Das Film-Projekt hat es Elagoz ermöglicht, die eigene Gewalterfahrung quasi von der anderen Seite zu betrachten, zu analysieren.

Samira Elagoz Impulstanz Festival 01
Samira Elagoz, "Cock Cock Who's There?". Courtesy of the artist.

Die multimediale Performance kreist um Themen wie Repräsentation, Intimität und Gewalt, wirft aber auch die spannende Frage auf, welche Rolle das Internet und diverse digitale Medien dabei spielen. „Cock, Cock… Who’s There?“ zeigt die Performerin in verschiedenen Rollen und bewegt sich an der Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen Film und Erzählung, Digitalität und Intimität. Die Produktion zeigt eine Möglichkeit auf, die Opferrolle nach einer Vergewaltigung zu verlassen und eine emanzipierte Position einzunehmen. Elagoz‘ ehrliche Auseinandersetzung mit der persönlichen Gewalterfahrung führt zu einer performativen Reflexion über die eigene Person. Sie zeigt sich von vielen Seiten und gewinnt so einen klareren Blick auf sich selbst. Eine spannende und ehrliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Intimität im digitalen Zeitalter.

Text von Wera Hippesroither