Dope Saint Jude

Nicht deine Heilige:
Die südafrikanische Rapperin Dope Saint Jude

Interviews By
Dope Saint Jude

Catherine Saint Jude Pretorius aka Dope Saint Jude rappt gegen die binäre Geschlechterordnung, Rassismus und für queere Kultur.

Südöstlich von Kapstadt liegen die als flach and sandig bekannten Cape Flats, ein Relikt der Apartheidspolitik und das Hip-Hop Epizentrum der Stadt. Dort leben vorrangig schwarze Südafrikaner und „Coloureds“, die während der Apartheid vertrieben wurden. Die Künstlerin Dope Saint Jude ist zwar in den Cape Flats aufgewachsen, versteht sich aber nicht als klassische Rapperin. Sie bewegt sich mehr in queeren Räumen und nutzt Hip-Hop als Medium, um ihren Gedanken eine Form zu geben. Dope Saint Jude ist Musikerin, Filmemacherin und Gastdozentin: Eine Autodidaktin, deren künstlerischer und akademischer Output einem roten Faden folgt: Ihre Lyrics handeln von den bis heute sichtbaren Folgen des Apartheitregimes, dem Gendertrouble und Alltag in den Cape Flats.

Steil bergauf ging es für Dope Saint Jude, nachdem MIA die Künstlerin entdeckt hatte und mit ihr zusammen für eine internationale H&M-Kampagne vor der Kamera stand. Das hat ihr die Mittel verschafft, um ihre Debüt-EP „Reimagine“ (2016) zu produzieren, Videos zu drehen sowie durch die USA und Europa zu touren. Es folgten Kooperationen mit dem NON-Kollektiv Mitgründer Angel-Ho und Jlin.

Im Rahmen der Konzert und DJ-Reihe Soundtracks präsentiert der “Steirische Herbst” Dope Saint Jude zusammen mit Mobilegirl am 23. September 2017 in Graz. Beide Künstlerinnen werden neben Artists wie Hauschka, The Paradise Bangkok Molam International Band und Anna Meredith performen. Wir haben im Vorfeld via Skype mit Dope Saint Jude über ihren Sound, ihre Vorbilder und Einflüsse, und das Leben in Kapstadt gesprochen.

Deine Debüt-EP „Reimagine“ hast du 2016 veröffentlicht und bist damit bereits durch die USA und Europa getourt. Was hat sich in deinem Leben seitdem verändert?

Vieles hat sich verändert: Meine Mutter starb, das war eine große emotionale Herausforderung für mich. Als Künstlerin hat das natürlich meine Kunst beeinflusst. Seitdem ich mein Album veröffentlicht habe und ein wenig gereist bin, habe ich viel Zeit damit verbracht, zu verstehen, wer ich neben all den Projektionen, die die Welt auf mich wirft, wirklich bin. Du kannst nicht einfach durch die Welt ziehen, einen Haufen Interviews geben und keinen Sinn dafür haben, wer du bist. Man verliert sich sonst in diese Social-Media-Kultur und darin, was andere Menschen über einen denken. Wir alle müssen durch diese Kultur navigieren. Wir können nicht dagegen ankämpfen. Es ist wichtig, ein Gleichgewicht zu finden, damit du nicht deinen Verstand und dein Herz verletzt.

Beeinflusst deine Sicht auf die Social-Media-Kultur deinen kreativen Schaffensprozess?

Ich nehme mir sehr viel Zeit. Für mich ist die Produktion von Musik ein Lernprozess, eine Introspektion. Weißt du noch wie es war, als du als Kind einfach drauflos gezeichnet hast und niemand hat dir gesagt, dass du dieses oder jenes Bild zeichnen sollst? Das ist die Freiheit, die du fühlst, wenn es keinen Druck gibt. Ich versuche diesen kreativen Raum zu erreichen. Mit einer Deadline fühlst du dich wie in einem Käfig. Die Monetarisierung der Kunst betrifft uns alle. Es nimmt uns den Raum, sich außerhalb der Erfolgsformel zu bewegen.

Du produzierst deine Musik zum großen Teil selber. Hast du eine Vision, wie sie in der Zukunft klingen soll, und wer inspiriert dich?

Ich bin von filmischen Klängen inspiriert. Die einzige Person, die das wirklich in den Hip-Hop bringt, ist Kanye West mit „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“. Es hat einen ruhigen, filmischen Orchesterklang. Zudem bin ich von Frank Oceans Produktionen begeistert, die dir das Gefühl geben, sich auf einer Reise zu befinden.

Solche Konzeptalben sind sehr anspruchsvoll. Welche Herausforderungen gibt es für dich? 

Ich bin keine sehr starke Produzentin. Für mich ist es aber schwer, jemanden zu finden, der versteht, woher ich komme. Die meisten Produzenten sind entweder nur Hip-Hop oder nur Pop. Dementsprechend fällt es mir schwer, Kooperationspartner zu finden. Ich bin eine Künstlerin, die Hip-Hop als Medium benutzt, aber keine reine Rapperin. Ich bin nicht in der Hip-Hop-Kultur aufgewachsen, wo ich an Straßenecken gerappt habe. Das ist ein anderer Zugang zu jemandem, der aus einem Rap-Hintergrund stammt. In erster Linie kämpfe ich als junge Afrikanerin und als eine „Coloured“-Frau darum, auf meine eigene Art und Weise arbeiten zu können.

Apropos „Women of Colour“: In vielen Interviews beziehst du dich auf den Einfluss des Albums „The Miseducation of Lauryn Hill”. Was konntest du daraus für deine eigene Musik lernen?

Ich denke, besonders für junge schwarze Frauen gibt es keinen Raum, verletzbar zu sein und über Gefühle und Ängste zu sprechen. Man muss entweder über Liebe und Sex oder über den Kampf reden, aber nicht über einfache, ängstliche Dinge, zum Beispiel wie es ist, ein Mädchen zu sein, wie es ist, deine Periode zu haben oder sich schlecht zu fühlen. Lauryn Hill war die erste schwarze Frau im Hip-Hop, bei der ich das gehört habe.

In einem anderen Interview hast du auf die afroamerikanische und Bürgerrechtsaktivistin Autorin Maya Angelou verwiesen. Ist sie wichtig für dein Songwriting?

Definitiv, gerade erst habe ich einen Track über Maya Angelous Gedicht „Our Grandmothers“ geschrieben. Besonders daran hat mich die Zeile „I come as one but stand as 10,000“ interessiert: Wenn du in einen Raum gehst, bist du vielleicht nur eine Person, aber du repräsentierst deine Vorfahren, deine Großmutter, deinen Großvater und deine Urgroßeltern. Allein, dass Maya Angelou diese Idee in meinen Verstand gesetzt hat, war sehr wirkungsvoll. Ich finde es schön, ihre Botschaften durch die Generationen zu tragen.

Haben deine Einstellungen Einfluss darauf, mit wem du arbeitest? Bevorzugst du Frauen wie Kay Faith, mit der du deine EP produziert hast? 

Ich würde wirklich gerne mit Frauen oder Leuten arbeiten, die meine Politik teilen, aber das ist nicht immer möglich. Deshalb bin ich offen für die Idee, von anderen Menschen zu lernen, nicht nur in technischer Hinsicht. Manchmal arbeite ich mit einem Mann im Studio, und wir haben überhaupt nicht die gleiche Politik. Ich lerne dann, etwas toleranter zu sein (lacht). Ich würde gerne nur mit Frauen arbeiten, aber es gibt nicht viele Produzentinnen. Ich arbeite aber immer noch mit Kay.

Du hast mit dem Rapper Angel-Ho von NON, mit der Footwork-Künstlerin Jlin und auch mit MIA zusammengearbeitet. Das ist ziemlich beeindruckend. Wie sind diese Kooperationen entstanden?

Angel und ich bewegen uns im selben Freundeskreis in Kapstadt. Wir haben gleichzeitig zusammen angefangen, Musikproduktion zu erlernen und pflegen eine sehr enge Beziehung. Jlin habe ich noch nicht persönlich getroffen. Sie mochte meine Musik, und dann entschied sie, einen meiner Tracks auf ihrem Album zu veröffentlichen. MIA hat einfach von meiner Musik erfahren und mir eine Mail geschrieben, so sind wir in Kontakt gekommen.

In einer Fernsehdokumentation hast du erzählt, dass dir der „Akt der Freude“ besonders als „Coloured“-Frau wichtig ist. Warum ist es dir wichtig, das zu betonen? 

Wenn ich ehrlich bin, macht mich die Situation in Kapstadt traurig, weil es hier immer noch so viel Rassismus gibt. Jeder denkt, dass in Südafrika wegen Nelson Mandela wieder alles in Ordnung ist, aber die Wahrheit ist, dass wir nur theoretisch frei sind. Ich hatte das Glück, auf eine ehemalige weiße Schule zu gehen. Ich habe Glück, dass ich die Welt bereisen und mein Leben so leben kann, wie ich es tue, aber es ist nicht für jedes einzelne Kind in Südafrika möglich, und das ist herzzerreißend.

Wenn ich nach Europa reise, habe ich das Gefühl, dass die Leute mich nicht so schlecht wie hier behandeln. Das bringt mich dazu, mein Land zu verlassen, aber gleichzeitig möchte ich etwas tun, um es besser zu machen. Es ist kein schönes Gefühl, besonders wenn man das grünere Gras auf der anderen Seite gesehen hat.

Der „Steirische Herbst“ ist ein Theaterfestival. Hast du Performance-Elemente in deiner Live-Show?

Ja, die gibt es. Am liebsten hätte ich so große Auftritte wie Kendrick Lamar oder Beyoncé. Ich denke, dass ich als Künstlerin noch weiter wachsen werde. Ich mag es, eine Verbindung zu meinem Publikum herzustellen.

Text von Nadine Schildhauer