Diagonale Paul Pibernig

Male Austropop, Venus Delta & Stabat Mater. Ein Diagonale Guide

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Diagonale Paul Pibernig

Heute beginnt in Graz die Diagonale – das Festival des österreichischen Films. PW-Magazine hat das vielfältige Programm unter die Lupe genommen und bietet einen Überblick der diesjährigen Highlights.

Vom 28. März bis zum 2. April zeigt die Diagonale eine Auswahl aktueller österreichischer Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, sowie viel Archivmaterial. Das Festival umfasst außerdem ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Ausstellungen, Talks, Vorträgen und Partys. Neben Spiel- und Dokumentarfilmen, gibt es auch das „Innovative Kino“, welches vorwiegend Kurzfilme von KunsthochschulabsolventInnen zeigt.
Das diesjährige Pop-Special – 1000  Takte Filme – legt den Fokus auf eine Auswahl an Filmen des Österreichischen Filmmuseum, der von Alejandro Bachmann kuratierten Reihe „This is not America – Austrian Drifters“, und weiteren aus unterschiedlichen Archiven zur österreichischen – recht männlich geprägten – Musikgeschichte. Viel 80iger Jahre Material, das zeigt wie „Austropop mit Wolfgang Ambros 1971 losgebrochen, um bis etwa 1987 mit Georg Danzer, Peter Cornelius, Fendrich, STS, Opus, EAV eine Blütezeit erlebt“.
Den vorwiegend männlichen Vertretern des Austropops werden Filme aus dem Innovativen Kino, sowie von weiblichen Regisseurinnen herangestellt: Das neuste, blutige Werk der Filmemacherin Ana Lily Amirpour, eine Dokumentation der Wiener Künstlerin Josephine Ahnelt und ein Film der Preisträgerin für den besten deutschen Nachwuchsfilm Sandra Wollner.

Denise Helene Sumi hat 11 spannende Programmpunkte ausgesucht und vorgestellt:

Mittwoch, 29.03.

Das unmögliche Bild
Spielfilm, DE/AT 2016, 70 min, OmeU
Regie: Sandra Wollner
11:00 Uhr, KIZ Royal
21:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 5 (Freitag, 31.03.)

Nachdem Sandra Wollner gemeinsam mit Britta Schoening und Michaela Taschek mit dem Kurzfilm „Uns geht es gut“ (2013), den Preis der Jugendjury Diagonale 2014 erhielt, ist sie dieses Jahr mit ihrem ersten Spielfilm, der als bester deutscher Nachwuchsfilm ausgezeichnet wurde, an der Diagonale vertreten. Auch „Das unmögliche Bild“ (2017) zelebriert einen nostalgischen Blick, nicht nur auf vergangene Zeiten und Fragmente unserer Erinnerung, sondern auch auf das Material Film selbst. Im Wien der 1950er Jahre filmt die 13-jährige Johanna einen Haushalt voller Frauen rund um die Großmutter Maria Steinwendner mit ihrer 8mm Kamera.

„Für das „Hinschauen“ und damit für das „Gesehenwerden“ hat Wollner diesen Film gemacht. Und für das Erinnern.“ / „In Johannas erzählten Vorstellungen sind Männer nur Gespenster.“

Homo Sapiens
Dokumentarfilm, AT 2016, 94 min, kein Dialog
Regie: Nikolaus Geyrhalter
13:30 Uhr, KIZ Royal

In dystopischen Bildern erzählt der neue Dokumentarfilm „Homo Sapiens“ von Nikolaus Geyrhalter vom Untergang einer vorwiegend patriarchal erbauten Welt.

„Wir sehen verlassene Konsumpaläste, verfallene Freizeitparks, verwüstete Arbeitsplätze, verrottete Universitäten und Schulen, geisterhafte Gefängnisse und Militärkomplexe, leere Wartehallen und Transportwege, überwachsene Müllhalden.“ / „Homo Sapiens fordert uns auf, neunzig Minuten einem Dokument unserer Welt beizuwohnen, in der wir schon keine Rolle mehr spielen.“ / „Größenwahnsinnig muss er gewesen sein, der Mensch, überbordend, imposant und von sich selbst eingenommen.“ (Katalogtext, Alejandro Bachmann)

Innovatives Kino Programm 1
14:00 Uhr, Schubertkino 1
18:30 Uhr, Schubertkino 2 (Donnerstag, 30.03.)

Der neueste Film Stabat Mater von Josef Dabernig zeigt ein Hotel in der Nachsaison – sprachlose Gäste gefangen in Isolation, repetitive Gesten, leerer Konsum, „kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder dieser unwirtlichen Kultur- und Naturräume.“ Fishing is not done on Tuesdays von Lukas Marxt und Marcel Odenbach besteht aus Bildern, aus einem Haus ins Außen aufgenommenen, Grenzen zwischen moderner Architektur und verdichteter Naturraum, vom Meeresrauschen zu flirrenden Neoröhren. Gefolgt von Venus Delta von Antoinette Zwirchmayr, ein auratisch-erotischer Filmkörper: Organische Felsformationen, spiegelnde Wasseroberflächen, weibliche Körperpartien. Ebenfalls in diesem Programm Tagebuch bis Erster Schnee von Manfred Schwaba, knappe Tagebucheinträge und Alltagsimpressionen in Schwarz-Weiß und Double 8 der Avantgardefilmemacherin Christiana Perschon.

Kiss Daddy Good Night
Spielfilm, US 1987, 82 min, OmdU
Regie: Peter Ily Huemer
18:30 Uhr, Schubertkino 2

Aus der Reihe Pop Special: 1000 Takte Filme zeigt Kiss Daddy Good Night von Peter Ily Huemer eine junge Uma Thurman, Paul Dillon, Paul Richards und Steve Buscemi in den Hauptrollen. Neonröhren, kaltblaues Licht, eine Garage in New Jersey.

„Kommt Laura nachts nach Hause, wo rund um die Uhr Cartoons im Fernsehen laufen, gleitet die Kamera von ihren High Heels zum Fender-Gitarrencase zu einer Packung Marlboros. Steht sie morgens auf, trägt sie ein T-Shirt mit Roy-Lichtenstein-Aufdruck. Laura ist zu Hause in der Welt der Oberflächen, wird selbst eine davon, nutzt diese, um an Wertgegenstände zu kommen, die sonst außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen.“ (Katalogtext, Alejandro Bachmann)

Diagonale Paul Pibernig

Donnerstag, 29.3

Kurzspielfilmprogramm 4
11:30 Uhr, Schubertkino 1
20:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 6 (Samstag 1.4)

Das Kurzspielfilmprogramm 4 zeigt Am Berg von Nicole Scherer. Eine unbewirtschaftete Almhütte wird in einem 7-minütigen Kurzfilm zum Schauplatz eines Horrorszenarios. Vom der idyllischen Vorstellung zum psychologischen Abgrund. Das Video-Tryptichon Zebra Katz x Leila – GOD OF GHOSTS / NURENEGADE von Florian Pochlatko zeigt den Musiker Zebra Katz zu dessen Tracks „Nu Renegade“, „Fuckin Beast“ und „What U Want“ in einem unterirdischen Halbdunkel, wo der US-Musiker durch schwarz-spiegelnde Wasseroberflächen in die Unterwelt gleitet. Ebenfalls in diesem Programm „Fucking Drama“ von Michael Podogil und LDAE von Christoph Schwarz  ein 30 minütiger Kurzspielfilm, der eine fiktive Reality-Show zum Thema hat.

The Bands
Dokumentarfilm, AT 1993, 98 min
Regie: Egon Humer
21:00 Uhr, Rechbauer

„Die Konzerthalle, die Bühne oder Bar sind in Egon Humers The Bands Orte des Rückzugs aus einer scheiß/eis-kalten Wiener Winternacht. Entlang mehrerer Monate verdichtet der Film die musikalische Subkultur zu einem Netz, das die Stadt durchzieht. Von einem Club driftet die Kamera in den nächsten – Arena, B.A.C.H., Chelsea, Flex, WUK – immer mittendrin, nah an den Körpern, die schwitzen, stinken, sich kathartisch in Rage oder Trance tanzen.“ / „Kompromisslos schlägt es einem dort den offensichtlich politischen Anteil von Subkultur entgegen: bei den Auftritten von Occidental Blue Harmony Lovers, Extended Versions, Cold World, Bask, Fetish 69 oder Pungent Stench.“ (Katalogtext, Alejandro Bachmann)

Diagonale Paul Pibernig

Freitag, 31.3

Kurzfilmprogramm Im Taumel
68 Min
11:00 Uhr, Schubertkino 2

In Kooperation mit dem Kunsthaus Graz zeigt das Kurzfilmprogramm den Film Sehen als 1 der österreichischen Künsterlin Ester Stocker,  den radikalen Film The Flicker des experimentellen Filmemachers und Minimal Komponisten Tony Conrads und weitere Filme, welche optische Phänomene der Be- und Entschleunigung, welche das Taumeln oder das Kontemplative hervorrufen zum Thema haben: Contemplations von  Ruth Anderwald, Leonhard Grond, Untitled (Generali Foundation Vienna) von Philipp Fleischmann, Failed States von Henry Hills, 11/65 Bild Helga Philipp von Kurt Kren, Flash in the Metropolitan von Rosland Nashashibi, Lucy Skaer und Hypnodrom von Richard Wilhelmer.

Venus & Peripherie
Dokumentarfilm kurz, AT 2016, 21 min, OmdU
Regie: Josephine Ahnelt
16:00 Uhr, Schubertkino 2
18:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 5 (Samstag, 1.4)

Als Teil des Kurzdokumentarfilmprogramms 4 wird der neueste Film Venus & Peripherie der in Wien lebenden Filmemacherin und Künstlerin Josephine Ahnelt über ein Projekt des Sozialarchitekten Jaque Fresco gezeigt: „In seinem „Venus-Projekt“ plant dieser ein Menschheitsmodell, das sich, um sich selbst zu retten, von unserem heutigen Wertesystem und der monetären Ökonomie verabschieden muss. Frescos pazifistisches Weltbild von Harmonie und Gleichberechtigung ist ein hoffnungsvolles, mit einem Schimmer idealistischer Verträumtheit.“ (Katalogtext, cw)

The Bad Batch
Spielfilm, US 2016, 115 min, eOF
Regie: Ana Lily Amirpour
18:30 Uhr, KIZ Royal

In Graz wird eine exklusive Preview des neuen Filmes der persisch-amerikanischen Filmemacherin Ana Lily Amirpour als Referenzprogramm zum Pop-Special gezeigt. Mit ihrem ersten Debütfilm A Girl Walks Home Alone At Night wurde Ana als internationale Genrefilmemacherinnen gefeiert. Ana Lily Amirpour stellt immer wieder Rollenbilder in Frage, denkt viel über Feminismus, Porno und Gewalt nach und macht dabei wohl ziemlich gute Filme.

„Ana Lily Amirpour dehnt ihren Film selbst zu einem Trip. Sie zeigt die atemberaubende Schönheit der amerikanischen Wüste mit zartrosa Sonnenaufgängen und drogenüberhöhten Nachthimmeln. Sie lässt die Kamera am Müll der Popkultur vorbeiziehen. An verrottenden amerikanischen Flaggen und Plastikspielzeug.“ (Katja Nicodemus, DIE ZEIT)

Diagonale Paul Pibernig

Samstag, 1.4

Slidin‘ – Alles bunt und wunderbar
Spielfilm, AT 1998, 97 min, OmeU
Regie: Barbara Albert, Michael Grimm, Reinhard Jud
13:00 Uhr, Rechbauer

„Pop ist gerade Techno, und die Neonfarben sind versifft, abgetragen, verblichen. Ein rastloses, bisweilen auch düsteres Porträt des Nachtlebens zwischen Wien und seiner Peripherie, in dem wenig übrig bleibt vom Versprechen, das die Stadt, die Nacht, die Musik einmal gegeben haben.“ (Katalogtext, Alejandro Bachmann)

Stills

Zusätzlich zum Filmprogramm ist die Ausstellung Stills von Paul Pibernig sehr zu empfehlen, welche noch bis zum 9. April in Graz im Mild zu sehen ist.

Das vollständige Diagonale-Programm findet ihr hier.

Text von Denise Helene Sumi
Fotos © Diagonale / Paul Pibernig