Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden

Geniale Dilletanten
im Dresdner Albertinum

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Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden
AG Geige, L'autre Allemagne hors les murs, La Villette, 1990 Paris. Foto von Dieter Wuschanski, Archiv Frank Bretschneider

Laut, roh, experimentell und vor allem wild – das Goethe-Institut konzipierte eine Ausstellung über die künstlerische Alternativszene der 1980er Jahre.

Ab Ende der 1970er Jahre erregt in Deutschland ‒ im Westen wie im Osten ‒ eine künstlerische Alternativszene mit Protest und Provokation Aufsehen und Anerkennung. Die Akteure setzen nicht auf virtuoses Können, sondern streben nach Selbstorganisation im Sinne des Do-It-Yourself-Gedankens. Sie handeln, denken und inszenieren sich jenseits gängiger Kunstnorm und gesellschaftlicher Erwartungen. Es sind wortwörtlich „Geniale Dilettanten“.

Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden
FM Einheit, Einstürzende Neubauten, Zeche Bochum 1984. Foto von Richard Gleim

Das Goethe-Institut sah diese Subkulturen reif fürs Museum und entwarf eine Ausstellung, die bisher deutschlandweit in München, Haus der Kunst und Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen war. Die Tournee-Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland“ zeigte bisher sieben West- und eine Ostposition. Im Dresdner Albertinum nun ist die Ausstellung mit angepasstem Titel Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland durch einen gleichwertigen Fokus mit 15 zusätzlichen Positionen von Künstlerinnen und Künstlern auf die DDR-Szene entscheidend erweitert worden. Die Ausstellung zeigt sich lebendig und vielfältig, blickt auf die bunte Szene so multimedial wie es die Szene selbst fordert. Erstaunlich ist nur, dass die Ausstellung erst in den Osten kommen musste, um ihrem Anspruch West und Ost zu repräsentieren letztlich gerecht zu werden.

Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden
Punk auf der Straße, Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, 1982. Foto von Ilse Ruppert

Jetzt trifft die westdeutsche Subkultur der 1980er Jahre auf die alternative Musik- und Kunstszene in der DDR jener Zeit. Das Aufbegehren und die Radikalität artikulierten sich in Musik, Kunst und Mode auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs unterschiedlich. In der  Gegenüberstellung werden auch Parallelen und sogar grenzüberschreitende Berührungspunkte sichtbar.

Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden
Martin Kippenberger, Für mehr Anarchie,1984 Öl, Plastik auf Leinwand. Courtesy Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne, Foto: Lothar Schnepf, Köln

Die Wegbreiter der alternativen Szene gründen eigene, unabhängige Plattenlabels, Magazine, Galerien und Clubs, organisieren illegale Konzerte. Besonders im Osten entwickelt sich eine Dynamik, die durch die Grenzüberschreitung von einem künstlerischen Medium zu einem anderen, von der bildenden Kunst zur Musik, zum Super-8-Film, zur Performance, zum Text und zum Theater in den 1970er und 1980er Jahren geprägt ist und in keiner Weise in das SED-Staatssystem passen will.

Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden
A. R. Penck beim Improvisieren, um 1979 Atelier Volker Tenner, Dresden-Kleinzschachwitz, Meußlitzer Str. Foto von Volker Tenner

Zu jedem der Objekte scheint es eine skurrile Geschichte zu geben: Sei es der Künstlername Matthias BAADER Holst, der gleichzeitig an den Berliner Dadaisten Johannes Baader und den RAF Terroristen Andreas Baader erinnert und vor allem durch Irrsinnslyrik und Kaputtprosa von sich reden machte, das achtundzwanzig Meter lange Ölgemälde Bernd Zimmers, dass innerhalb von drei Tagen und Nächten entstand und für nur eine Nacht ausgestellt wurde, oder der mit Legosteinen gefüllte zehn Liter FIT- Kanister, der der Band „Ornament und Verbrechen“ als Percussion Instrument diente…

Geniale Dilletanten im Albertinum Dresden
Musik-Cassetten aus dem DDR-Underground, 1980er Jahre. Repro von Eric Tschernow

All diese Normbrüche sind anhand von Videos, Fotografien, Filmdokumentationen, Malerei, Magazinen, Plakaten, selbstgebauten Instrumenten, Design- und Kunstobjekten, Musikkassetten und Soundstationen zu erleben und lassen die subversive Jugendkultur der 1980er Jahre aufleuchten – in West- und Ostdeutschland.

Text von Christian Glatz