Hannah Christ by Franziska Ayoka

Femdex-Gründerin Hannah Christ im Interview

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Hannah Christ by Franziska Ayoka
Foto von Franziska Ayoka

Wir sprachen mit Hannah Christ über die Wirkung von femdex, den langen Weg zur Geschlechtergleichheit und über ihren musikalischen Output als Minou Oram.

Hannah Christ ist DJ, Bookerin der „Scheitern“-Partys und Gründerin von Femdex. Die Initiative setzt sich mit dem Thema Gleichstellung in der Wiener Clubkultur auseinander und fördert weibliche* Talente. Seit der Entstehung im Jahr 2016 schlug das Projekt hohe Wellen und vergrößerte die Zahl seiner UnterstützerInnen. Im September weitete Femdex seinen Aktionsradius aus und rief die Veranstaltungsreihe Utopia 3000 ins Leben. Nach fünf Jahren kulturellen Schaffens lässt Hannah Christ den Großstadtdschungel hinter sich und geht auf Reisen. Zum Abschied stellten wir ihr ein paar Fragen.

Wie groß schätzt du den Einfluss deines vielbeachteten Artikels Diversity Matters: A Discourse Towards Emancipated Club Culture auf das Bookingverhalten in Wien ein?

Schwierige Frage. Ich kann natürlich nicht einschätzen, ob ein ausgeglichenes Line-Up eines bestimmten Events eine direkte oder indirekte Konsequenz dieses Artikels oder von femdex ist. Dennoch war ich damals überrascht, wie groß die Resonanz dieser Thematik ist, wie viel Zuspruch aber auch Ablehnung ich dafür bekommen habe und was dadurch bisher alles entstanden ist und möglich wurde. Und ich glaube schon, dass ich den einen oder anderen Kopf zum Nachdenken angeregt haben dürfte.

Wie fühlt es sich an, die Stadt zu verlassen, in der du so viel aufgebaut hast?

Unabhängig davon, was ich aufgebaut habe, fühlt es sich wohl generell ein bisschen traurig an, einen Ort zu verlassen, in dem man fast ein Jahrzehnt lang zuhause war. Allerdings hätte ich politisch gesehen wohl keinen besseren Zeitpunkt wählen können. Außerdem ist das kein Abschied für immer und ich werde Wien bestimmt wieder besuchen kommen. Gerade überwiegt die Wanderlust in mir. Seit ich denken kann, träume ich davon, die Welt zu bereisen und das wird nun endlich möglich. So eine Reise ist notwendigerweise mit vielen Abschieden verbunden und darauf habe ich mich schon lange eingestellt. Ich bin eigentlich eher glücklich und dankbar, dass ich die Zeit in Wien neben meinem Studium nutzen konnte, mir etwas aufzubauen, was sogar auch ohne mich weiterwachsen kann.

Wie geht es nach deinem Umzug mit femdex weiter?

Femdex macht weiter wie bisher. Da vieles online abläuft, kann ich auch weiterhin mitwirken. Mir war schon länger klar, dass ich Wien dieses Jahr verlassen werde. Ohnehin soll femdex nicht nur von einer Person getragen werden, sondern von vielen Gedanken und Ideen profitieren. Im Zuge gewisser Vernetzungstreffen habe ich Anna Leiser, Li Falkensteiner und Therese Terror kennen gelernt. Vor kurzem ist Ulrich Rois als weiterer Unterstützer hinzugekommen. Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, dass bei femdex ein Mann mitwirkt, inzwischen finde ich das sogar ziemlich wichtig – quasi als Vorbildfunktion. Zumal wir mit Ulrich jemanden gefunden haben, der die Thematik von Anfang an mit der richtigen Umsicht unterstützt hat und mit der Veranstaltungsreihe membrane:burow regelmäßig beweist, dass Bookings keine „Würstelparade“ sein müssen.
Was vor Ort in Wien passiert, wird von diesem Team ausgetragen. Es ist auch in Planung, das Team zu erweitern. Femdex war und ist in seiner konzeptuellen Gestaltung ja letztendlich grenzenlos. Sinn und Zweck war es jeher problemlösungsorientiert an gegebene Situationen heranzugehen. Durch diesen Ansatz entstanden und entstehen kontinuierlich neue Konzepte.

Kannst du dir vorstellen dein subkulturelles Engagement zu deinem Beruf zu machen?

Sicher kann ich mir das vorstellen, nur müsste ich dann auch tatsächlich davon leben können. Dennoch wäre es mir auch wohl zu wenig, nur noch femdex zu machen. Da würden ein paar Interessen von mir zu sehr vernachlässigt werden. Meine persönliche berufliche Zukunft sollte irgendeine Multilösung sein und hoffentlich meinen Beruf als Psychologin mit meinen musikalischen Interessen und feministischem Engagement verbinden.

Auf welche Erfahrungen innerhalb deiner DJ Karriere hättest du gerne verzichtet?

Ach, da gibt es etliche. Und die meisten hatten eben mit meinem Geschlecht zu tun. Von blöden Anmachen, zu unnötigen „Tipps“, bis hin zu wirklich angsteinflößendem Stalking nach Gigs war eigentlich alles dabei. Und das nicht zu selten. Nichtsdestotrotz bin ich vorerst wirklich extrem dankbar für das Privileg, dass ich mit meinem Hobby sogar ein paar Erfolge feiern durfte.

Welche Strukturen müssen sich noch ändern um mehr Geschlechtergleichheit in der Wiener Subkultur zu erreichen?

Geschlechterungleichheit ist ja nicht nur ein Problem der Wiener Subkultur, sondern ein Symptom, das einem generell viel größeren soziologischen beziehungsweise politischen Umfeld geschuldet ist, in dem wir alle leben. Um Gleichheit in Subkulturen zu erreichen, müsste sich daher wohl erst die komplette Welt ändern. Es gibt jedoch konkrete Punkte, an die man anknüpfen kann. Wichtig wäre es zum Beispiel, dass sich viele Personen erst einmal von dem Irrglauben befreien, dass ein ausgeglichenes Booking in der Konzeption besonders schwierig, kompliziert oder finanziell desaströs wäre. Ich werde wohl nie verstehen, wie man daran so ernsthaft festhalten kann.
Trotzdem bekomme ich nach wie vor das Argument zu hören, dass es in diesem oder jenem Genre besonders schwierig wäre, Künstlerinnen zu finden. Hier wurde ein Problem kreiert, das gar keines ist.
Ich bin selbst als Bookerin für verschiedene Genres tätig gewesen, habe die femdex Liste zu Beginn größtenteils selbst erstellt und habe wirklich in keinem einzigen Genre ein Problem gehabt, einen passenden weiblichen Act zu finden, der zudem eine Party füllen kann. Ganz im Gegenteil. Mit Li Falkensteiner kuratiere ich die Reihe The Femdex Podcast für PW-Magazine. Bis nächsten Sommer sind die Termine gefüllt, die „Want-Liste“ füllt mehrere Seiten – wir haben eher das Problem, dass wir zu viele Künstlerinnen haben, die wir gerne sofort für diese Serie engagieren möchten. Leider erkenne ich beim Booking auch oftmals ein ganz typisches Muster – Männer buchen vorwiegend Männer und Frauen* buchen eher ausgeglichen. Das ist keine Wertung, sondern ein statistischer Fakt, den ich im Zuge des Artikels untersucht habe. Woran das liegt, darüber kann ich nur spekulieren. Es wäre daher also auch wichtig, dass Frauen* nicht nur hinter den Decks, sondern auch hinter den Line-Ups stehen.
Weiterhin ist es natürlich wichtig, die Struktur eines Events an sich so zu gestalten, dass sich jede Person – Geschlecht, Herkunft und Alter egal – gleichberechtigt in diesem Rahmen bewegen kann. Dazu können zum einen Richtlinien beitragen, zum anderen muss auch mit geschultem Personal proaktiv durchgegriffen werden, wenn sich jemand durch ein bestimmtes Verhalten belästigt fühlt.
Um zu einem Punkt zu kommen: Das Thema ist komplex und doch auch nicht. Eine endgültige und holistische Antwort könnte wohl ein Buch füllen.
Insgesamt denke ich, dass sich eh ein bisschen was in all diesen Bereichen tut. Bis endlich Geschlechtergleichheit in dieser Szene, beziehungsweise auf dieser Erde herrscht, ist es meiner Meinung nach noch ein ziemlich langer Weg.

Du hast kürzlich deinen ersten Track veröffentlicht. Remixes dazu sind in Arbeit. Was können wir in der Zukunft von dir erwarten?

Ich hoffe jede Menge weitere Tracks; sehr wahrscheinlich sogar ein Album. Der Abschied von Wien war ja durch die Absolvierung meines Studiums bedingt. Nun erfülle ich mir diesen einen Traum: Ich bereise einige Länder und möchte mich nebenbei endlich vollends auf Musik konzentrieren. Dabei möchte ich sowohl versuchen, in die musikalische Tradition des jeweiligen Landes einzutauchen, als auch die Geräusche seiner Umgebung aufzunehmen. Beides soll in meine Musik einfließen. Weiterhin wird meine Radioshow einmal monatlich auf lyl.live zu hören sein. In Zukunft auch angereichert mit Mixes von Gästen und möglicherweise mit dem einen oder anderen Interview.

Welcher Track eignet sich gut um Abschied zu sagen?

Vielen Dank!