Erwin Wurm

Erwin Wurm: „Was bleibt, ist der sichtbare Eingriff in das Material“

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Erwin Wurm
Erwin Wurm, House Attack, Performance, 2012. Foto: Gerald Y Plattner

Erwin Wurm deformiert und denkt seit 35 Jahren die klassischen Bedingungen der Bildhauerei neu. Aktuell zeigt er Werke im 21er Haus und auf der 57. Biennale in Venedig.

In Venedig lädt Erwin Wurm, mit seinen one minute sculptures, zur aktiven Teilnahme an seiner Kunst, während vor dem österreichischen Pavillon ein Lastwagen vertikal in den Himmel ragt. Im Wiener 21er Haus deformiert der Künstler Ton zu Skulptur, um sich seiner Arbeit näher zu fühlen. Bei Erwin Wurm folgt Ausstellung auf Ausstellung und keine gleicht der anderen. PW-Magazine hat den Künstler zum Gespräch getroffen.

Bei der diesjährigen Biennale in Venedig haben Sie gemeinsam mit Brigitte Kowanz den österreichischen Pavillon bespielt. Wie empfanden Sie Ihre eigene Teilnahme?

Die Arbeit für Venedig war mit sehr viel Anstrengung verbunden, dennoch habe ich mich sehr gefreut, Österreich zusammen mit Brigitte Kowanz zu repräsentieren. Leider hatte ich durch meine eigene Teilnahme keine Zeit, mich der Biennale bewusst zu widmen. Gerne hätte ich Anne Imhofs Performance „Faust“ im deutschen Pavillon gesehen. Die Auszeichnung ihrer Arbeit mit dem goldenen Löwen ist wohlverdient.

Nicht nur in Venedig, sondern auch auf der Documenta14 in Athen und Kassel beherrschen politische Themen derzeit vermehrt das künstlerische Feld. Auch Ihr in Venedig platzierter Lastwagen hinterlässt die Vermutung einer politischen Note. Ist dies bewusst so von Ihnen konzipiert worden?

Als politisch denkender Mensch, der sich mit den aktuellen Themen unserer Epoche beschäftigt, frage ich mich natürlich, wohin wir uns politisch und gesellschaftlich in den kommenden Jahren bewegen werden. Ich spiele in dieser Arbeit mit den Begriffen der Heimat, sowie der Migration, aber auch mit der Sehnsucht des Reisens. Natürlich entstehen dadurch politische Bilder. Dies ist auf die aktuellen Entwicklungen unserer Zeit zurückzuführen.

Erwin Wurm
Erwin Wurm, Stand quiet and look out over the Mediterranean Sea, 2016 – 2017, Performative One Minute Sculpture, Beitrag Österreich-Pavillon / Contribution Austrian Pavillon, Truck, Mixed Media, H 874 x B 240 x L 274 cm, Unique. Foto: Studio Erwin Wurm, Copyright: Bildrecht, Vienna 2017
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Erwin Wurm, Stand quiet and look out over the Mediterranean Sea, 2016 – 2017, Performative One Minute Sculpture, Beitrag Österreich-Pavillon / Contribution Austrian Pavillon, Truck, Mixed Media, H 874 x B 240 x L 274 cm, Unique. Foto: Studio Erwin Wurm, Copyright: Bildrecht, Vienna 2017

Sie haben mit dem Lastwagen eine Aussichtsplattform geschaffen. Oben angekommen steht: „Stillstehen und über das Mittelmeer schauen“. Wie ist dies zu deuten?

Die Anweisung, über das Mittelmeer zu schauen, ist performativ zu verstehen, denn das Mittelmeer kann von dieser Plattform aus nicht gesehen werden. Das Mittelmeer soll im Kopf betrachtet werden. Diese Anweisung führte auch zu Missverständnissen, da man, hätte ich den Lastwagen etwas höher angesetzt, tatsächlich das Mittelmeer hätte sehen können. Doch dies war nicht Sinn der Sache und das musste erkannt werden. Sobald der Lastwagen im nächsten Jahr, durch den „Public Art Fund“ in New York auf der Grünfläche des Brooklyn Bridge Parks gezeigt wird, erwarte ich mir keine Missinterpretationen mehr, denn von dort aus kann definitiv kein Mittelmeer gesehen werden.

In Wien können aktuell Arbeiten von Ihnen im 21er Haus gesehen werden. Was können Sie zu diesen Skulpturen sagen?

Die Skulpturen im 21er Haus stellen eine Serie von Arbeiten dar, die ich bereits in den 1990er Jahren begonnen habe. Wie meine „one minute sculptures“, sind auch diese Skulpturen performativ. Sie gelten jedoch nach dem performativen Akt als abgeschlossen. Was bleibt, ist der sichtbare Eingriff in das Material. Das Resultat gieße ich dann in verschiedene Materialen ab.

Warum zeigen Sie gerade jetzt diese Arbeiten im 21er Haus?

Ich hatte das Gefühl, dass ich den Zugang zu meinen Arbeiten verloren hatte, da ich sehr viele Werke zwar entwickle und plane, aber diese dann von Anderen ausführen lasse. Dadurch entsteht eine gewisse Fremdbestimmtheit, der ich mit dieser Ausstellung entgegenwirke.

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Erwin Wurm, House Attack, Performance, 2012. Foto: Gerald Y Plattner
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Ausstellungsansicht "Erwin Wurm. Performative Skulpturen". Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Zu den Werken haben Sie die Performance: „Leibesübungen für Köln“ präsentiert. Warum war dies wichtig?

Mich hat immer der Weg interessiert. Die Performance war wichtig, um aufzuzeigen, wie die performativen Skulpturen entstehen. Dabei wurden die, von Peter Zumthor, entworfenen Ledersitzbänke in Ton nachmodelliert und mit Leibesübungen bearbeitet. Peter Zumthor hat zudem das Kolumba Museum in Köln entworfen, daher die Benennung der Performance. Ich habe zwei Sitzbänke der Performance an das 21er Haus übergeben.

Weshalb die Bearbeitung mit Leibesübungen?

Jede künstlerische, bildhauerische Arbeit hat etwas mit Leibesübungen zu tun. Viele meiner Arbeiten sind aus einem gewissen Arbeitskontext gerissen, wie beispielsweise das Hämmern ohne Hammer oder das Sägen ohne Säge. Das sind sinnentleerte, ritualisierte Bewegungen, die ich verwende, um etwas zu deformieren.

Auch wenn Sie hier selbst vorgegangen sind, gab es weitere Performer, die mit ihnen den Ton bearbeitet haben — jedoch keine der Besucherinnen und Besucher?

In Venedig habe ich gemerkt, dass ich es bevorzuge, wenn meine „one minute sculptures“ von professionellen Performern ausgeführt werden. Dadurch behalten sie ihre Ernsthaftigkeit und werden nicht ins Lächerliche gezogen. Den Spaß, den meine Arbeit bieten kann, möchte ich erhalten, jedoch soll die Seriosität, die sie ebenso darstellt, nicht verloren gehen.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem 21er Haus?

Die Zusammenarbeit lief sehr gut und kooperativ. Ich hatte mit den beiden Kuratoren Alfred Weidinger und Severin Dünser einen produktiven Dialog, der sich sehr positiv auf die Ausstellungsplanung ausgewirkt hat. Zudem ließen mir beide jene Gestaltungsfreiheit, die ich brauchte.

Wie sehen Sie die Stellung der KuratorInnen im Vergleich zu den KünstlerInnen?

Kuratoren und Kuratorinnen kennen die Ausstellungsräume und Ausstellungshäuser besser als die Künstler und Künstlerinnen. Ihre Aufgabe ist es zu leiten, ohne dabei in eine Richtung zu drängen, die den Künstlern und Künstlerinnen widerspricht.

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Erwin Wurm, Fat House, 2003. Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien / © Bildrecht, Wien, 2017 Eisen, Holz, Styropor, Aluminium, Elektroinstallationen, Video auf DVD, Videoprojektion (8:40, geloopt), Lautsprecher 540 x 1000 x 700 cm
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Erwin Wurm, Fat House, 2003. Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien Eisen, Holz, Styropor, Aluminium, Elektroinstallationen, Video auf DVD, Videoprojektion (8:40, geloopt), Lautsprecher 540 x 1000 x 700 cm

Sie haben 2017 viel gezeigt. In welche Richtung wird sich ihr künstlerisches Schaffen weiterentwickeln?

In der Kunstwelt dominiert der Wiedererkennungseffekt. Ich werde auch zukünftig mit dem Begriff des Skulpturalen arbeiten und mich den Themen unserer Zeit widmen. Auch Mobilität, Fettsucht und Jugendwahn werden gesellschaftliche Schwerpunkte bleiben, mit denen ich mich in meiner Arbeit befassen werde. Dabei werde ich weiterhin Möglichkeiten suchen, meine Kunst weiterzuentwickeln und spannend zu halten. Das Schaffen von Kunst ist eine Herausforderung, der ich mich immer stellen werde.

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch Ihre Popularität?

Einerseits entstehen durch einen erhöhten Bekanntheitsgrad viele Vorurteile, andererseits kann Erfolg und Popularität motivierend wirken.

Welche Ausstellungen planen Sie in naher Zukunft?

Für das nächste Jahr sind Ausstellungen im Kunstmuseum Luzern in der Schweiz, sowie im Museum of Contemporary Art in Marseille geplant. Zudem werde ich neue Arbeiten in der Albertina in Wien zeigen.

Text von Alexandra-Maria Toth

Die Ausstellung „Performative Skulpturen“ von Erwin Wurm ist bis 10. September im 21er Haus zu sehen. In Venedig kann bis 26. November der Beitrag Österreich-Pavillon von Erwin Wurm und Brigitte Kowanz besichtigt werden.