Jan Fabre I am a Mistake

„Das ist reine Verarsche!“- über Jan Fabres „I am a Mistake“

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Jan Fabre I am a Mistake

Der belgische Performance-Künstler Jan Fabre eröffnete am 13. Juli das diesjährige ImPulsTanz Festival mit einer neuen Soloperformance. Die Ausdauerübung erkundete das Leopold Museum und konfrontierte die ZuschauerInnen mit ihren Erwartungshaltungen. Ein Augenzeugenbericht von Wera Hippesroither.

Donnerstag, 13. Juli 2017, die ZuschauerInnen sammeln sich in der hohen Eingangshalle des Leopold Museums, es wird immer voller, einige sitzen am Boden, andere lehnen an der Wand. Viel Platz bleibt nicht, das Publikum drängt sich zusammen und blickt erwartungsvoll nach vorne, wo eine Leinwand befestigt ist. Hier bildet sich eine Art Bühne, ein freigehaltener Platz. Dieser wird aber nicht gefüllt werden. Aus einer Ecke des Raumes ertönt plötzlich ein „I-Aah“ und wird von weiteren gefolgt. Fabre steht im hintersten Eck der Halle, mit dem Rücken zum Publikum, Gesicht in die Ecke. Die ruckartig ausgestoßenen Laute erinnern an einen Esel, trägt der Künstler doch auch längliche graue Ohren angesteckt. Das Publikum wartet gespannt auf die nächsten Schritte und ein weiterer Akteur tritt auf: von der anderen Ecke des Raumes schießt ein mehrköpfiges Kamerateam durch die Menge und wird Fabre von nun an auf Schritt und Tritt folgen. Eine der vier Kameras bietet die Bilder für die Übertragung auf der Leinwand.

Jan Fabre I am a Mistake

Nach einigen weiteren „I-Aahs“ beginnt Fabre sich durch den Raum zu bewegen. Er bahnt sich den Weg durch die dichte Menge und nimmt verschiedene Positionen ein, einmal liegt er am Boden, ein andermal stellt er sich mit dem Gesicht zur Wand oder bleibt auch einfach nur stehen. Nun ergänzen Textfragmente die Eselslaute: „I am a mistake, because I am a stupid dwarf. I am a mistake, because I don’t like fashion. I am a mistake, because I’m a better kisser than Gustav Klimt. I am a mistake, because I like to kiss Austrian women.“ Jede Bewegung wird vom Kamerateam verfolgt, das hinter Fabre hinterherhetzt, die ZuschauerInnen springen regelrecht verschreckt zur Seite, wenn Fabre sich den Weg bahnt. Die offene Form ohne festes Zentrum scheint gleich zu Beginn zu überfordern. Als Fabre den Raum verlässt und die Treppe nach unten nimmt, verharren die meisten in der Eingangshalle und folgen ihm nicht. Viele postulieren sich vor der Leinwand und beobachten von hier aus, was geschieht. Nach einigen Hinweisen der SaalordnerInnen folgt das Publikum Fabre nach in Richtung unten.

Jan Fabre I am a Mistake

Mitten in der aktuellen Ausstellung „Frauenbilder“ geht das Spiel weiter: Fabre nimmt verschiedene Plätze im Raum ein, bevorzugt Ecken und Seitenwände, das Kamerateam folgt genauso gehorsam wie die ZuschauerInnen. Auch in diesem Raum gibt es einen Bildschirm, der wieder von vielen angestarrt wird. Nach dem nun mehrfach wiederholten „I am a mistake, because I like to kiss Austrian women“ wandert Fabre zielstrebig in die Menge, um nacheinander zwei verschiedene Frauen zu küssen. Das Kamerateam sorgt für kinoreife Übertragung mit Close-ups. Sensationsgeilheit macht sich breit und man wartet gebannt auf weitere Aktionen. Doch Fabre zieht seine bisherige Choreographie durch: weiter geht es mit den schon fast ritualhaften Variationen von „I am a mistake“. Dieses Spiel zieht sich weiter in den nächsten Raum im Untergeschoß des Leopold Museums. Auch hier eine Leinwand, das Publikum folgt weiter, genauso wie das Kamerateam, das nunmehr wie Paparazzi wirkt, auf der Suche nach der neusten Sensation. Die lässt nicht lange auf sich warten: schon bald sucht Fabre die nächste Kusspartnerin aus. Mit der Ankündigung „I am a mistake, because I like to kiss Austrian women in a Dirndl“ beginnt ein Zungenkuss, der über eineinhalb Stunden dauern wird. Fabre wird sich bis zum Ende der Performance mit seiner Partnerin durch das gesamte Leopold Museum küssen, räkeln, tanzen und wälzen. Die Zungenspiele wirken mitunter grotesk und bewusst überzeichnet. Das Kamerateam sorgt mit Close-up-Aufnahmen dafür, dass die intime Begegnung von allen drei Ebenen des Museums aus gut zu beobachten ist, auch wenn sich ein enger Kreis von ZuschauerInnen um die Protagonisten gebildet hat.

Jan Fabre I am a Mistake

Nach etwa fünfzehn Minuten scheint die Sensationsgeilheit fürs Erste befriedigt und Verlegenheit macht sich breit. Eltern sorgen sich um ihre Kinder, eine aufgeregte Zuschauerin neben mir tönt: „Das ist reine Verarsche!“. Schon vor einer halben Stunde sind viele gegangen, nun werden es noch mehr. Andere legen sich gemütlich auf den Boden und genießen das Schauspiel auf der Leinwand oder am Bildschirm, wieder andere scheinen angeregt und ahmen den Kuss nach. Fabres Kuss-Marathon wird nach guten eineinhalb Stunden an der Damen-Toilette enden, womit auch die Performance mit dem Verschwinden der Protagonisten beendet wird.

Jan Fabre I am a Mistake

Fabre lässt viele ratlose Gesichter zurück, das Wiener Publikum ist unkonzentriert, es verlässt sich auf die Übertragung des Geschehens und verweilt gerne vorm Bildschirm. Grüppchen bilden sich schon früh, FreundInnen suchen und finden sich, unterhalten sich. Ich konnte sogar eine telefonierende Person und eine Gruppe, die Geschenke und Blumensträuße austauscht, beobachten. Die liebste Beschäftigung scheint aber das Fotografieren zu sein: ständig werden Smartphones gezückt, ein treuer Kern folgt Fabre überall hin und ständig werden Fotos geschossen oder Videos gemacht. Vor allem bei der Kusssequenz wird schamlos draufgehalten. Genauso wie das Kamerateam an Paparazzi erinnert, mutieren die ZuschauerInnen zu solchen. Fabre offenbart in der Figur des sensationsfolgenden Kameramannes die eigene Lust am Voyeurismus, die Rolle des Publikums als Voyeur ist hier gedoppelt. So macht sich Fabre zum reinen Schauobjekt, passenderweise im musealen Raum. Der Fokus liegt nicht auf dem lustvollen Kuss, sondern auf dem lustvollen Schauen. Hängt das Publikum begierig an Fabres Fersen, befriedigt es die eigene Gier nach Sensation. Die Kameraleute und ihre Filmbilder verdeutlichen und verkörpern diese Schaulust, ihnen folgt das Publikum gehorsam. Als die Übertragung aus technischen Gründen für kurze Zeit unterbrochen wird, ist Nervosität zu spüren. Die Angst, etwas verpassen zu können. Interagiert wird an diesem Abend nicht, niemand greift ein oder geht auf den Künstler zu. Fabres Spiel mit der Ausdauer ist ein Spiel mit der Ausdauer des Publikums: wie lange wird es dem Kuss schamlos folgen? Wie lange wird es die Voyeurs-Position aushalten? Die offene Form scheint zu verunsichern und das Publikum folgt dem Esel stumm wie eine Herde.

Text von Wera Hippesroither
Fotos von Karolina Miernik