Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.

Choreographie im Kopf: Anne Jurens „Anatomie“ beim Impulstanz Festival

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Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.
Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.

Die französische Performance-Künstlerin Anne Juren fordert die Vorstellungskraft des Publikums heraus und gestaltet mit Anatomie eine Performance, die sich im Kopf realisiert.

Das Publikum wird mit ungewöhnlichen Worten empfangen: Zieh deine Schuhe aus und such dir einen Platz, schließ deine Augen. Halte die Augen geschlossen. Im Bühnenraum des Kasinos am Schwarzenbergplatz wird klar: hier ist nichts wie gewohnt. Der Boden ist übersät von dichten Matten, die als Matratzen fungieren, über den Köpfen wölbt sich eine aufblasbare Skulptur, die so etwas wie ein Dach bildet. Das schwarz glänzende Plastikmaterial knistert. Anne Juren hockt irgendwo in der Mitte, vor ihr eine Art Altar mit allerlei Utensilien. Viele liegen am Rücken, die meisten haben die Augen geschlossen. Nachdem es sich alle bequem gemacht haben, beginnt Juren zu erzählen: von einer Zunge, die am Arm kostet, sich zum Kopf vortastet und dann den ganzen Körper entlangwandert. Dann kriecht sie eine der Marmorstatuen an der Wand hoch, um sie in der Achselhöhle zu kitzeln, bevor sie kreuz und quer durch den gesamten Raum zieht. Später ist es eine kleine Hand, die im Magen wohnt und den Körper mit all seinen Innereien, Sehnen, Muskeln und Organen erkundet. Die Hand wandert durchs Gehirn und spielt mit den Augäpfeln, ein kleines Insekt kitzelt mit seinen Beinchen, zwischen den beiden Sehnen im Bein gibt es einen Raum mit einem kleinen Bett.

Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.
Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.

Diese Beschreibungen und Erkundungen des Körpers sind für das Publikum, das die Augen nach wie vor geschlossen hält, tatsächlich spürbar. Jurens Erzählungen wirken unglaublich suggestiv und das Insekt ist genauso vorstellbar wie das Händchen im Magen. Die Performerin arbeitet mit ihrer Stimme und verleiht den Worten durch akustische Untermalung besondere Plastizität. Öffnet man zwischendurch die Augen, sieht man Juren Gemüse zerbeißen, Plastikstücke aneinander reiben, Getreide von Gefäß zu Gefäß gießen oder sich an einem anderen Körper reiben. Alle Geräusche werden durch Mikrofone verstärkt und über Lautsprecher im Raum verbreitet. Die gewohnten und alltäglichen Handlungen werden in dieser Verstärkung verfremdet und stützen die Vorstellung im Kopf. Die Choreographie entfaltet sich rein über die akustische Ebene, die Performance entsteht im Kopf des Publikums.

Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.
Anne Juren, "Anatomie". Foto von Karoline Miernik.

Realisiert im Rahmen des „The Humane Body“-Projekts, das es sich zum Ziel gemacht hat, die Sichtweise auf zeitgenössischen Tanz zu erweitern und auch sehbeeinträchtigten oder blinden Personen zugänglich zu machen, schafft Juren ganz im Sinne des Mottos „ways of seeing dance“, eine Performance, die sich in der Vorstellungskraft des Publikums entfaltet. Sehen mit geschlossenen Augen wird möglich, wenn die Stimme anleitet und zweckentfremdete Geräusche ganze Welten erschaffen. Eine gelungene Untersuchung über die Materialität der Dinge.

Text von Wera Hippesroither