Jugo Ürdens by Laura Schaeffer

Cevape, Cola und ein rot-weiß-roter Reisepass

Features By
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer

Mit Udo Jürgens hat Jugo Ürdens nicht wirklich viel gemeinsam, bis auf den verwirrenden Namen. Aber eigentlich ist alles ganz logisch. Jugo ist in Skopje geboren, lebt in Wien und rappt unter Gerards Label FuturesFuture über Döblinger Tussen, Reisepässe und, ja, Cevape halt. Seine „Ajde“-Ep lässt konservative Ösis mit Kopfschütteln zurück und seine blauen Augen lassen Mütter die Hochzeitkleider für ihre Töchter kaufen. Aber viel wichtiger: Jugos Musik ist erfrischend ironisch, offensichtlich provokativ und wird unterschwellig von einer kleinen Revolution begleitet.

Wirklich viele Interviews hat Jugo noch nicht gegeben, aber er war schon in der Heute – darauf kann man ja stolz sein, oder nicht? Naja, eher weniger. Trotz des eher umstrittenen Rufs des niveaulosen Gratis-Klatschblatts macht er sich einen Spaß daraus. „Ich glaube, die Leute verstehen schon, dass ich das alles nicht so ernst meine.“ Und Aufmerksamkeit gab’s dafür allemal. Genau das macht den Wiener so sympathisch. Denn wenn die österreichische Rap-Szene eines ganz klar von sich behaupten kann, dann, dass sie sich selbst niemals zu ernst nimmt. Vom flaschenwerfenden YSL Know Plug über Koks-König Yung Hurn bis hin zu den Jungs vom Hanuschplatz – die Kopfnicker im Alpenland haben in den letzten Jahren unglaublich viel Humor bewiesen und lassen eine oft so eingesessene HipHop-Landschaft immer wieder frisch erblühen (ganz Gangster-mäßig natürlich). Innovation und Schmäh stehen bei den vorantreibenden Kräften und teils einwandfrei funktionierenden Exportschlagern im Vordergrund. Jugo Ürdens ist ganz eindeutig einer davon. Wenn er in seinen Texten irgendwelche gesellschaftskritischen Themen anspricht, fühlt es sich eher wie ein ganz sanfter Schlag ins Gesicht an – zwar hart, effektiv und provokativ, aber mit so viel Humor und Liebe, dass man es ihm nicht übelnehmen kann. Wenn also „Hietzinger Schlampen zerfickt“ werden und unsere inneren Feministen/ehrenvolle Bürger/Gutmenschen eigentlich vor lauter Wut wegen der Diskriminierung sexuell aktiver Girls aus dem 13. Wiener Gemeindebezirkes den nächsten Mülleimer anzünden wollen, bleiben sie besinnt und ruhig. Warum? Weil wir Ironie verstehen und Jugo genau damit spielt. Hört man ihn dann über Zwiebelfahnen und Cevape philosophieren und den rot-weiß-roten Reisepass zu preisen, während er mit Zwei-Millimeter-Stoppelglatze und eis-blauen Augen durch Wien spaziert und mit einem anderen Typen rumschmust ist die Provokation und Verwirrung komplett – und irgendwie  schwingt eine  kleine Rebellion mit: „Entweder sie beschimpfen mich als Nazi, oder als scheiß Ausländer“ erklärt er mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Mir isses ja im Endeffekt dann eh wurscht“. Seiner Meinung nach gibt es eh schon viel zu viele wacke Tracks über Integration, Politik und eigentlich alle gesellschaftskritischen Themen. Jugo macht es halt lieber einmal richtig und dafür dann nie wieder. Und wenn er danach noch einen kompletten Track dem einzig wahren schwarzen Gold widmet, hoffen wir, dass Coca Cola dafür was springen lassen hat.

Das ganze Paket, dass uns mit Jugo Ürdens geliefert wird, garantiert fragende Blicke, erfrischende Gegensätze und makabren Schmäh. Ihn aber nur auf seinen Namen, seine Herkunft und sein Image zu reduzieren, wäre nicht fair. Denn eigentlich geht es ja immer noch um seine Musik, und die ist hitverdächtig. Der trappige Straßenrap, den der Pretty Boy liefert, wandert fernab von Ignaz und seinem Hanuschplatz irgendwo zwischen #realrap a lá Wiener Untergrund und serbischen Beat-Samples durch Österreich und über die Landesgrenzen hinaus. Die Beat-Bretter auf seiner „Ajde“-EP hat das Ex-Sprachsex-Member unter seinem Producer-Alter-Ego jue alle selbst gebastelt. Wobei die unterschiedlichen Namen einfach nur ästhetische Gründe haben: „ ‚Jugo Ürdens – Songtitel (prod. by Jugo Ürdens)‘ – das sieht echt beschissen aus.“ Und wenn wir schon beim Namen sind – jeder der meint, dass seine oft Verwirrung stiftenden Namenswahl aus  unglaublich tiefen Bedeutungskonstrukten und verstrickten Findungsprozessen hervorgeht, liegt falsch: „Weißt eh, besoffen halt.“ – ja, wissen wir nur zu gut.

Er ist quasi ein Haftbefehl für die Schwiegermütter – genauso Straße, genauso brutal, aber irgendwie doch so lieb, dass man ihn trotz der Schimpfwörter einfach nur umarmen will. Und irgendwie passt die passive Revolution in seinen Texten doch perfekt in den Zeitgeist (schreckliches Wort, ja ich weiß) unserer Generation: wir sind genervt von all dem scheiß Rassismus und der dauernd präsenten Diskriminierung um uns herum, pumpen dann aber doch (wenn auch nur ironisch)  frauenverachtenden Rap. Wir wollen etwas verändern und gehen dafür auf die Straße, chillen am Wochenende aber doch auf überteuerten Drogen in der Wohnung, die bis vor kurzem noch unsere Eltern bezahlt haben. Passive Revolution, unterschwellige Rebellion und immer mit einem Augenzwinkern gegen alle Arschlöcher dieser Welt – genau so fühlt sich der Sound von dem Jugo-Wiener an.

Wenn wir also mit provokanter Ironie und passivem Tatendrang gegen irgendwelche Misstände marschieren, versuchen, unsere philosophischen Ergüsse möglichst krass rüberzubringen, oder uns einfach nur volllaufen lassen, dann machen wir das zu Jugo Ürdens „Ajde“-EP. Themen wie Integration funktionieren nämlich auch ohne wacke Politik-Track-Attitüde und die „Hietzinger Schlampen“ sind eigentlich auch ganz lieb. Also, Cevape auf den Teller und Cola ins Glas – wir feiern Jugos Reisepass.

Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer
Jugo Ürdens by Laura Schaeffer