Takao Kawaguchi About Kazuo Ohno

About Kazuo Ohno:
Kopieren als Erfassen

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Takao Kawaguchi About Kazuo Ohno
Impulstanz Festival: Takao Kawaguchi, About Kazuo Ohno. Foto von Teijiro Kamiyama

Ausstellung und multimediale Performance beim Impulstanz Festival: Der japanische Tänzer Takao Kawaguchi arbeitet sich für „About Kazuo Ohno“ am Begründer des figurativen Tanztheaters Butoh ab.

Der japanische Tänzer Takao Kawaguchi zeigt beim Impulstanz Festival eine Auseinandersetzung mit dem Schaffen von Kazuo Ohno. Der 2010 im Alter von 103 Jahren verstorbene Tänzer begründete gemeinsam mit Tatsumi Hijikata in den späten 1950er Jahren das figurative Tanztheater Butoh. Um das Andenken an Kazuo Ohno und dessen außergewöhnlichen Tanzstil aufrechtzuerhalten, studierte Kawaguchi Ohnos Bewegungsabläufe anhand von Videoaufnahmen genauestens ein. Nun präsentiert er exakte Kopien des Meisters. Zusätzlich zu der Performance ist im Odeon Theater eine Ausstellung mit Plakaten, Skizzen und Originalmaterialien des Meisters zu sehen.

Takao Kawaguchi About Kazuo Ohno
Impulstanz Festival: Takao Kawaguchi, About Kazuo Ohno. Foto von Takuya Matsumi

Das radikale Tanztheater Butoh wurzelt in einer vor allem antiamerikanischen Bewegung im Japan der 60er Jahre, die sich gegen die westlichen, rationalen Prinzipien der Moderne wendet und beim Publikum bewusst Affekte und Abwehrreaktionen hervorruft. Es gibt keine festen Bewegungsabläufe, gesprochen wird nicht bis kaum, die Tanzschritte und Kostümierungen sind absurd und verfremdet. Auch Kawaguchis Bewegungen sind mal abstrakt, mal figurativ und immer grotesk. Gezeigt werden Versatzstücke aus den populärsten Stücken Kazuo Ohnos, die als Kurzszenen präsentiert werden. Das Kopieren von Ohnos Stil bezeichnet Kawaguchi im Programmheft selbst als „ketzerischen Akt“. Doch was das Publikum im Odeon Theater zu sehen bekommt, ist weit mehr als ein Abziehbild Ohnos. Da der Tanz in Westeuropa kaum verbreitet ist, sind die wenigsten hier mit Butoh vertraut. So beschwört Kawaguchis Hommage an Kazou Ohno gleichzeitig eine Vorstellung dessen Originaltanzes herauf. Neben den Bewegungen Kawaguchis entsteht ein imaginatives Bild von Ohno. Die akustische Ebene lädt dazu ein, sich die ursprünglichen Szenen vorzustellen. Die Tonaufnahmen scheinen von den Videobändern von Ohnos Vorstellungen zu stammen, denn auf ihnen sind Publikumsgeräusche wie Husten oder Sesselrücken zu hören. Kawaguchi baut so eine performative Verbindung zum Vorbild auf und beeindruckt mit seiner akkuraten Kopie.

Takao Kawaguchi About Kazuo Ohno
Impulstanz Festival: Takao Kawaguchi, About Kazuo Ohno. Foto von Takuya Matsumi

Butoh gilt gemeinhin als „Seelentanz“, als eine Regung, die aus dem Inneren des Performers entspringt und den tänzerischen Ausdruck maßgeblich bestimmt. Wo Kazuo Ohno aufhört und wo Takao Kawaguchi beginnt, lässt sich kaum festmachen. Kawaguchi verschmilzt in seiner Hommage an den Altmeister geradezu mit seinem Vorbild. In der exakten Kopie liegt die entscheidende Qualität. Wenn sich Kawaguchi im Programmheft selbst als „Gefäß“ für den Geist des verstorbenen Meisters beschreibt, trifft er die Idee des Butoh auf den Punkt. Butoh findet jenseits der sozialen und körperlichen Grenzen des Tänzers statt. Kawaguchi trennt sich im Prozess des Tanzens vollständig von seiner eigenen Identität, wird eins mit Kazuo Ohnos Bewegungen und erfasst so die Essenz des Butoh.

Text von Wera Hippesroither