Chris Haring ImPulsTanz Festival

What you’re watching at? Do you like it? – Chris Haring / Liquid Loft

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Chris Haring ImPulsTanz Festival

Fühlender Film: Chris Haring schafft den Bühnenraum ab und füllt ihn mit Kamera und Leinwand, doch wer beobachtet hier wen?

Akademietheater, 7. August abends, der österreichische Choreograph Chris Haring zeigt Candy’s Camouflage, den letzten Teil seiner Trilogie Imploding Portraits Inevitable im Rahmen des diesjährigen Impulstanz Festivals. Ich nehme Platz, die Tänzerinnen Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer befinden sich bereits auf der Bühne, diese ist leergeräumt bis auf die Brandmauer. Doch Haring braucht nicht viel, um einen plastischen Raum zu schaffen: Auf dem Bühnenboden befinden sich lediglich sechs Stehvorrichtungen – vier davon mit Scheinwerfern bestückt, zwei weitere mit Camcordern –, eine immens große Leinwand und drei Performerinnen. Was passiert, wenn das Licht im Theater ausgeht, macht dem Namen Harings Kompanie alle Ehre: liquid loft – das Licht geht aus, der Film läuft und der Raum setzt sich in Bewegung.

Chris Haring ImPulsTanz Festival

Kurze, sprunghafte Szenen behandeln weibliches Verhalten und sexistische Situationen, wobei mitunter verwirrend, aber immer überraschend von einem Gedanken zum nächsten gewechselt wird. In Anekdoten und Ausschnitten wird über die eigene Haltung nachgedacht, zum Beispiel wenn es um einen Taxifahrer geht, der statt Geld einen Blowjob verlangt oder um ein nicht beim Namen genanntes Ding, welches „huge“ sei. Die kurzen Szenen kommen mir erst verwirrend vor, doch ich erkenne bald eine Gemeinsamkeit: Die Ausschnitte scheinen alle von einer Art Spannungsverhältnis zwischen Verhalten und inneren Empfindungen geprägt zu sein, was sich in einigen sehr emotionalen Szenen äußert. Eine Anekdote handelt davon, wie sich die Figur von Kopf bis Fuß als Kind fühle, eine andere Figur denkt darüber nach, warum es in populären Songs und Erzählungen um Männer und Jungs gehe, aber nicht um die Abenteuer eines Mädchens. Diese Grundstimmung ist schnell erkennbar, doch einer durchgehenden Handlung kann ich nicht wirklich folgen. Wortfetzen werden unterbrochen von kurzen Liedern und betont sinnlichen Tanzeinlagen, in einer Szene schmücken sich die drei Frauen gegenseitig und positionieren sich in eng umschlungenen Bewegungen um ein thronartiges Podest, was ein ultimativ sinnliches und starkes, geradezu göttinnenhaftes Bild entwirft, das sich mir besonders einprägt.

Chris Haring ImPulsTanz Festival
Chris Haring ImPulsTanz Festival

Das Prinzip ist einfach erklärt: Irgendwo zwischen Tanztheater, Performance und Installation reflektieren drei Frauen über das Frau-Sein. Das Gemurmel und die Wortfetzen auf der hörbaren Ebene werden durch die sichtbare Ebene erweitert. Mit Camcordern beobachten sich die Figuren gegenseitig, filmen sich und werfen studienartige Close-ups an die Leinwand. Was mit den Camcordern von den Figuren selbst gefilmt wird, wird live projiziert und modifiziert, was mitunter epische, an den film noir erinnernde Bilder erzeugt — aber auch abstrakt bis dekonstruierend wirkt. Auf der Leinwand entsteht eine plastische Dynamik und ein körperhafter Eindruck. Die Dreidimensionalität des Bühnenraumes verlagert sich auf die zweidimensionale Fläche der Leinwand. Abschaffung der Theaterbühne, auf Film gebannt.

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Die Bühne so leergeräumt und mit einer Leinwand konfrontiert, fühle ich mich an Dekonstruktionen des Theaterraumes erinnert, wie sie auch Schlingensief gebracht hat, doch was hier passiert, betrifft eine andere Ebene. Die Bewegungen der Figuren und deren Dynamik werden verschoben, finden multipliziert und buchstäblich produziert auf der Leinwand statt. Der klassische Bühnenraum wird auf diese Weise verneint und als Film projiziert. Close-ups erlauben hautnah erlebbare Emotionen und ich blicke der Figur direkt in die Augen, doch der Blick zurück auf die Bühne erinnert mich daran, dass die Figur nicht mich anblickt, sondern in die Kamera schaut. Die Kamera wird selbst gesteuert, die Figuren beobachten sich auf gewisse Weise selbst und ich kann dabei zuschauen, wie sie das tun. Wer blickt hier wen an?

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Was im Akademietheater der Größe des Raumes und der klassischen Anordnung des Publikums wegen nicht ganz aufgeht, funktioniert am zweiten Spielort, dem Leopold Museum, deutlich besser: Im Keller des Museums zeigt Haring eine „Museums-Edition“ von Candy’s Camouflage. Das Museum als Spielort finde ich naheliegend, denn die posenartigen Bewegungen der Figuren und die vereinzelten Standbilder auf der Leinwand erinnern an sogenannte tableaux vivants, lebende Bilder auf der Bühne. Hier gibt es keine Sitzreihen oder festen Plätze, das Publikum findet sich in einem abgedunkelten Raum ein und muss sich selbst einen Platz suchen, wie viele andere setze ich mich auf den Boden. Dieser selbst organisierte Publikumsraum ist dem Spielraum atemberaubend nahe, er ist auf gleicher Höhe mit dem Publikum und durch keinerlei Absperrung gekennzeichnet. Plötzlich gewinnen die Bewegungen der Figuren abseits der Leinwand neue Bedeutung. Intimität und Dynamik nicht mehr nur für und auf der Leinwand, sondern auch in der Interaktion der Körper untereinander, auf der Bühne und auf der Leinwand gleichermaßen. Ich beobachte genau, wie die filmischen Bilder erzeugt werden, wie die Scheinwerfer geschwenkt und die Camcorder bewegt, die Bilder gezoomt werden und vor der Kamera agiert wird. Durch die absolute Nähe sind die Produktionsbedingungen noch viel deutlicher einzusehen und mir fällt ein interessantes Detail auf: die Figuren sehen sich beim Filmen selbst, können sich auf dem Bildschirm der Camcorder beobachten und so steuern, wie das Bild auf die Leinwand geworfen wird. Dieses Detail ist sicherlich der Kontrolle geschuldet, doch im multiplem Mechanismus der Beobachtung steckt viel mehr: Wird der Bühnenraum abgeschafft, wird auch die klassische Theatersituation mit ihrer Perspektive verneint — was auch die Betrachterin im Publikum miteinschließt. Die Figuren beobachten sich, beobachten ihr gegenseitiges und eigenes Beobachten auf der Leinwand und werden dabei wiederum beobachtet von den Beobachterinnen der gesamten Szenerie. Die Betrachterin wird zur Betrachterin der Betrachtung. Somit befinden wir uns mitten in einer extrem voyeuristischen Situation, die allen Formen von Theater anhaftend ist. Bezeichnend die wiederholte Frage einer Figur: „Do you like it?“

Chris Haring ImPulsTanz Festival
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Das filmische Moment deutet aber noch auf eine ganz andere Problematik nicht nur des zeitgenössischen Performance-, sondern auch des Theaters allgemein hin: Ist Theater auf ein Erlebnis, ein gemeinsames Sein in einem Raum bedacht und schafft Performance ein einmaliges Erlebnis, welches nicht wiederholt werden kann, frage ich mich, ob ein solches Ereignis überhaupt gefilmt werden kann oder darf, stellt das Filmen von Ereignissen doch auch immer eine Form der Konservierung dar. Der Besuch eines Theaterstückes ist nicht das selbe wie der filmische Mitschnitt des Stückes, den ich mir im Nachhinein anschaue. Wie eine Figur selbst an einer Stelle murmelt, ginge es nicht um das, was man sehe, sondern um das, was man fühle, wobei ich diese kurze Aussage als Programm für das gesamte Stück deute: die Leinwand bildet ein Art Innenleben ab, ermöglicht einen tiefen Blick hinein in eine – hier weibliche – Seele und ergänzt nicht nur das Tun auf der Bühne, sondern führt ein Art dynamisches Eigenleben.

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Betrachtet man die installative Anordnung und das Sich-Filmen der Figuren etwas näher, erinnert die Situation deutlich an das Posieren für Fotos oder gar Selfies. Nicht nur die Beobachtung untereinander, sondern auch die Selbstbeobachtung (weiters: die Beobachtung durch das Publikum) und das Reflektieren über das eigene Sein werden hier verarbeitet. Auf der tonalen Ebene wird diese Reflexion um Wortfetzen und Ausschnitte ergänzt, die sich mit sexistischen Situationen und weiblichen Verhaltensweisen auseinandersetzen. Die akustische Ebene passt dabei nicht immer mit den Bewegungen auf der Bühne zusammen, sie bildet genauso einen Gegensatz wie Extrem-Close-ups und Agieren als Körper, wie schon im angesprochenen Begriffspaar fühlen – sehen angeklungen, drückt sich hier eine Art von Zerrissenheit und Polarität aus, welche im Großen als Relation zwischen Innen und Außen angesehen werden kann. Über die buchstäbliche Rolle der Frau in alltäglichen Situationen – äußere Haltung vs. innere Bewegung – wird eine zeitgemäße Reflexion über den Theaterbegriff angestoßen, welcher sich in seiner grundsätzlichen Bedeutung immer zwischen Real und Irreal, zwischen Da und Dort, zwischen Innen und Außen befinden muss.

Text von Wera Hippesroither
Fotos von Laura Schaeffer