Werner Herzog

Werner Herzog denkt in „Lo And Behold“ über das Internet nach

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A scene from LO AND BEHOLD, a Magnolia Pictures release. Photo courtesy of Magnolia Pictures.

Filmemacher Werner Herzog hat in seinem ganzen Leben noch kein Handy, geschweige denn Smartphone besessen — „for cultural reasons“. In seinem neuen Dokumentarfilm Lo and Behold: Reveries of the connected world begleiten wir den 74-Jährigen auf seinem Weg, das Internet zu ergründen: in zehn Kapiteln von den Anfängen bis übermorgen. Kann das funktionieren?

THE BIRTH OF THE INTERNET
„Lo and Behold“ beginnt im klassischen Herzog-Stil: Ein alter Mann klopft auf einen grauen, massiven Kasten, schaut dabei in die Kamera und sagt: „THIS MACHINE IS SO UGLY IN THE INSIDE, IT IS BEAUTIFUL“. Diese Maschine ist der Mutterschoß des Internets. 1969 verschickte man hier, am Stanford Research Institute in Kalifornien, die allererste Computer-zu-Computer Nachricht. Was als „LOG IN“ beim Empfänger ankommen sollte, blieb aufgrund eines technischen Fehlers bei einem „LO“ und so konnte niemand ahnen, dass sich die Individuen der modernen Welt Jahrzehnte später über die menschliche Redefinierung durch Snapchat, Facebook und Instagram Gedanken machen. So pathetisch beginnt die Geschichte vom Internet. LO AND BEHOLD!  — SIEHE DA!

THE DARK SIDE
Man könnte die dunkle Seite des Internets ausschlachten, man könnte von Hate Speech, Revenge Porn und dem Darknet erzählen, man könnte das Internet mit all seinen Facetten verteufeln. Herzog belässt es bei dem Portrait einer Familie, die ihre Tochter bei einem Autounfall verloren hat. Fotos vom halb skalpierten Schädel des Mädchens sind im world wide web konserviert für die Ewigkeit. Ein Polizeibeamter schoss sie vor Ort und schickte sie per Mail an Bekannte. Nur wenig später erhielt der Vater des Opfers die Bilder von gleich mehreren anonymen Absendern — versehen mit verhöhnenden Kommentaren und Zombie-Anspielungen. Die Doku verzichtet an dieser Stelle auf Bildmaterial und Zitate; alles was wir sehen, sind die Gesichter der Angehörigen. Das reicht. Ist das Internet, wie die Familie des Opfers meint, „THE SPIRIT OF THE EVIL“? Gar die „MANIFESTIATION DES ANTICHRIST“?

Wenn es nach einer Gruppe moderner Eremiten geht, dann ganz bestimmt. In einer selbst verwalteten Gemeinschaft in Green Bank, dem „stillsten Ort der USA“, besucht das Filmteam Menschen, die hypersensibel auf Strahlung und Elektrosmog reagieren. Sie trennen sich von ihren Familien und leben hier — nachdem sie teilweise jahrelang in faradayschen Käfigen gehaust hatten — im strahlungsfreien Nirgendwo, um nicht mehr leiden zu müssen. Schutz verspricht nur die Isolation. An diesem Ort, dem Ort totaler Funkstille, glauben sie, ihre Erlösung gefunden zu haben.

THE WORLD RESPONDED — AND IT WAS BEAUTIFUL
Herzogs Filme sind keine Analysen der Wirklichkeit. Sie denken die Wirklichkeit weiter — ihre eigene Wirklichkeit. Und erschaffen so eine Zeitlosigkeit, die Generationen verbindet. Der Mann, der sich beim Dreh zum Mammutprojekt „Fitzcarraldo“ einst von Klaus Kinsky als „Zwergenregisseur“ beschimpfen ließ, ist heute millionenfach geklickte Kultfigur und beliebter Interviewpartner. Als Grenzgänger, Querdenker und Außenseiter. Vor Kurzem hat er in einem viral gegangenen Interview-Mitschnitt Kanye Wests neues Musikvideo zu Kunst erklärt. Er sieht sich darin das Wachsfiguren-Kabinett in Famous an — und wir hören ihm bei der unfassbar besonnenen Aneinanderreihung seiner Gedanken zu. Mit typisch deutschem Akzent spricht er über die Symbolik des Doppelgängers, von der Kraft des kollektiven Gedächtnisses und dem Stellenwert von Imagination. Davon, dass es Momente gebe, da gehe es nicht darum, eine Geschichte zu erzählen. Dass es Momente gebe „THERE IS ONLY BREATHING“.

Für Menschen mit Internet-Hintergrund, die im besten Falle beide kennen, Klaus Kinski und Kanye West, ist Werner Herzog zu einer Art Online-Orakel geworden. Wenn du intellektuellen Rat brauchst: Frag Herzog. Er hat zu allem etwas Pointiertes zu sagen – sogar zu Pokémon Go — natürlich ohne es zu kennen: „YEAH, BUT THESE THINGS ARE VERY EPHEMERAL, THEY COME AND GO“.

THE FUTURE
Auf seinem Weg durch das Phänomen Internet stellt der Filmemacher in „Lo and Behold“ wieder Fragen, die vermutlich kein Wissenschaftler jemals gestellt hat. Träumt das Internet von sich selbst? Können Maschinen Filme machen? Können sie sich verlieben? Das Gegenüber versucht sich an Erklärungen, die in ihrer Sachlichkeit so unlebendig klingen wie der graue Kasten, in dem die digitale Revolution begann.

Wo ist sie, die Revolution? Vielleicht im Internet, in „Lo and Behold“ sicher nicht. Der Film ist unspektakulär und konventionell abgefilmt: Er zeigt uns Dinge, die wir irgendwo (im Internet) schon einmal gesehen haben: fußballspielende Roboter, windeltragende LAN-Partygäste, twitternde Mönche. Trotzdem lohnt es, ihn sich ganz anzusehen. Weil Herzog seinem Stil treu bleibt: Als Off-Erzähler und kluger Impressionist. Weil er auf Filter verzichtet. Weil seine Beobachtungen visionär und konservativ zugleich sind. Und wenn man aussteigt, gedanklich, weil es zu tief in technische Materie geht, dann bleibt immer noch Herzogs Stimme — und sein fast kindlich-neugieriges Bewusstsein. Ob eine Maschine jemals in der Lage wäre, Filme zu machen wie Herzog, fragt ein Roboter-Entwickler aus Stanford rhetorisch.
— „OF COURSE NOT“.

„Lo and Behold“ läuft in den amerikanischen Kinos — hier bei uns sieht man den Film bei Amazon Video, auf iTunes oder in den Untiefen von „the“ Internet.

Text von Nora Voit