Warnung: Dieser Text enthält viele Sibilanten. Interview mit S S S S

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Kurz vor seiner Show in Belgrad unterhalten wir uns mit S S S S über Heimatgefühle, audiovisuelle Ästhetik und darüber was Kassetten mit Toastern zu tun haben.

Samuel Savenberg war schon mit vielen Projekten musikalisch aktiv, unter anderem als Produzent der Band Die Selektion. Momentan macht er sich vor allem mit seinem Alter Ego S S S S einen Namen in der Musikszene. Innerhalb derer weigert er sich einer Kategorie zugeordnet zu werden und probiert sich an den verschiedenen Ausprägungen von Techno, Noise, Industrial und Ambient.

S S S Ss Auftritt an diesem Abend fand im Rahmen eines Stadt-Club-Austauschs zwischen Drugstore Beograd, Grelle Forelle und POMERANZE statt. Wenige Wochen später gastierte die Drugstore Crew dann im Club an der Spittelauer Lände. Das Pomeranze Takeover in der serbischen Hauptstadt konnte aus adminstrativen Gründen nicht im Drugstore stattfinden und wurde spontan ins KC Grad verlegt, das von außen eher an ein heruntergekommenes Wohnhaus mit Ost-Charme, als an einen Club erinnert.

Mit welcher Erwartung gehst du in den heutigen Abend? Welche Fragen gehen dir vor Auftritten durch den Kopf?

Puh, also vor allem die grundsätzlichen Fragen: Wo und in welchem Rahmen spielt man? Ist es eher eine Konzert- oder Clubsituation? Bisher habe ich die verschiedensten Erfahrungen gemacht und daraus gelernt, dass es kein Schema gibt nachdem es in der Regel funktionieren würde. Man hat wahrscheinlich immer irgendwelche Erwartungen, die einem durch den Kopf gehen, aber bestimmte Vorstellungen mache ich mir trotzdem nicht. Ich bin auf jeden Fall gespannt in Belgrad zu spielen, da ich immer wieder höre wie interessant die Stadt sein soll.
Zudem ist das heutige Konzept speziell, da die Veranstalter auch aus einer anderen Stadt kommen und ich nur über eine weitere Connection aus der Schweiz dazu gestoßen bin. Also ein sehr interessanter Mix.

Zu deiner musikalischen Laufbahn: Du hast zunächst in Bands gespielt, wie kam es, dass du angefangen hast solo Musik zu produzieren?

Ich habe sehr früh angefangen Musik zu machen und mir viele Instrumente autodidaktisch beigebracht. Im Laufe dessen habe ich dann verschiedene Musikstile quasi innerlich abgehakt und mich so stilistisch weiterentwickelt. In Bands war ich häufig unzufrieden, so dass mir ein guter Freund nach dem nächsten Rauswurf/Austritt gesagt hat: „Man, Samuel, jetzt mach doch endlich mal dein eigenes Ding! Du wirst nie glücklich wenn du immer Kompromisse eingehen musst.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen.
Natürlich hat das „Band-sein“ auch seine schönen Seiten. Dieses Gefühl gemeinsam Musik zu machen, live oder im Studio, ist etwas unbeschreibliches. Das kommt als Solomusiker in dieser Form nicht auf.
Außerdem ist das auch nichts endgültiges, es war nur der richtige Zeitpunkt für mich diesen Schritt in die abgeschottete Solokünstler-Welt zu wagen. Die Phase genieße ich solange bis eine andere kommt.

Wofür steht dein Künstlername S S S S?

Relativ simple Erklärung: Für mich war ein persönlicher Bezug wichtig, ich wollte dieses faceless Techno-Ding nicht um zu versuchen anonym und geheimnisvoll zu bleiben, obwohl es doch alle wissen. Gleichzeitig fand ich einfach Samuel Savenberg auch nicht passend. Zunächst hatte ich die wenig spannende Überlegung die Initialen zu verwenden, also S. S. Aber das kann man geschichtlich betrachtet so natürlich nicht verwenden (lacht). Und dann kam ich auf die 4-to-the-floor-Analogie, die 4-S also symbolisch für das Grundraster des Viervierteltakts. Außerdem sieht es cool aus.

Mit welchem Equipment und welchen Herangehensweisen arbeitest du?

Ich habe unterschiedliche Herangehensweisen bei der Produktion von Tracks, als auch bei der Live-Umsetzung. Zum Beispiel arbeite ich viel mit Field-Recordings, nehme also interessante Umgebungsgeräusche, beispielsweise bei Zugfahrten, mit meinem iPhone auf und bearbeite diese. Ein wesentliches Tool für mich ist Ableton Live, mit dem ich die Aufnahmen mache und mische. Dabei entstehen riesige Konstrukte, die sich live nicht eins-zu-eins umsetzen lassen. Das heißt ich muss Kompromisse eingehen, das bleibt also auch als Solokünstler nicht aus (lacht). Live laufen bei mir gewisse vorprogrammierte Details und Melodien quasi wie vom Band ab, wohingegen ich die rhythmischen Bestandteile über einen Electribe (Drum Sequenzer) steuere. Diese Art der Live-Performance ist eine bewusste Entscheidung, da ich nicht live jammen möchte, sondern nach einem Konzept spiele, das aber Spielraum für Improvisation lässt.

Inwiefern beeinflusst dich dein Studium der Musik- und Medienkunst in deinem musikalischen Schaffen?

Einen Einfluss spüre ich sicherlich bei grundsätzlichen Themen wie Ästhetik oder auch Perfomance-Fragen, wie z.B. zu „Liveness“. Also was bedeutet live spielen überhaupt bei elektronischer Musik, die sample-basierend und programmiert ist? Egal wie viele Synthies da auf der Bühne stehen, du gibst es nicht direkt von dir und es macht keinen Unterschied wie intensiv du auf eine Taste drückst. Die Auseinandersetzung mit solchen Grundfragen halte ich für sehr wichtig als performender Musiker.

Deine Tracks und Sets sind von einem industriellen, harten, gar dystopischen Sound geprägt und auch die Artworks versprühen eine düstere Ästhetik. Was fasziniert dich daran?

(lacht) Ich würde gerne andere Musik machen können – geht aber nicht. Wenn ich produziere versuche ich nicht zwanghaft diesen Sound zu erzeugen, sondern er entsteht einfach aus meiner musikalischen Natur heraus. Ähnlich verhält es sich auch bei der visuellen Ästhetik. Dabei entspricht diese fast machohaft anmutende Darstellungsform gar nicht meinem Charakter. Ich komme ursprünglich vom Punk. Techno hat mich musikalisch in seiner reinen Form nie wirklich interessiert, außer aus einem musikgeschichtlichem Interesse heraus. Dieser Output liegt also in meiner Person und ich sehe Musikschaffen auch als eine therapeutische Maßnahme.

Wie wichtig ist dir die Verbindung von Musik und visueller Ästhetik?

Mir ist ein audiovisueller Einklang wichtig, aber ein ausgereiftes Konzept besteht hier nicht. Die Entstehung würde ich eher als zufällig beschreiben. Bei gewissen Bild-/Videomaterial weiß ich einfach, das werde ich verwenden.

An welche Performance erinnerst du dich besonders gerne zurück?

Da fallen mir einige Abende ein, aber besonders gerne erinnere ich mich an meine letztes Release-Show. Das Album habe ich im Club Südpol in Luzern aufgenommen und ein halbes Jahr später auch dort erstmals präsentiert. Dafür habe ich eine Installation mit einem 4-Kanal Soundsystem entwickelt. Das Intro ging 40 Minuten und bestand quasi nur aus Field-Recordings, die sich langsam aufgebaut haben, also fernab tanzbarer Musik. Aber die 200 Leute im Publikum haben sich wirklich darauf eingelassen und stillsitzend zugehört. Das war schon sehr besonders und hat mich auch dementsprechend beeindruckt.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem italienischen Label Haunter Records?

Das kam für mich etwas überraschend und hat mich umso mehr gefreut. Ich hab vor etwa zwei Jahren erste Tracks auf Soundcloud hochgeladen, ohne Name oder so. Und direkt zwei Tage später kam eine Anfrage von denen. Hatte nicht erwartet, dass es so einfach geht.

Wie geht’s mit deinem eigenen Label edition gris weiter?

Das ist eine gute Frage (lacht). Es gibt einige Pläne, aber leider fehlt mir dafür momentan das Geld und die Zeit. Und es kam zu dem Punkt, an dem ich mich entscheiden musste diese Ressourcen in meine eigene Musikproduktion oder ins Label zu stecken – ich habe mich für Ersteres entschieden.

Du wohnst in Luzern, in der schönen Schweiz am Vierwaldstädtersee, umgeben von saftgrünen Bergen – das perfekte Idyll. Wie wichtig ist dir deine Heimat? Beeinflusst dich deine Umgebung?

Mit dem Begriff Heimat tue ich mich schwer. Ich verstehe dieses ganze Nationalitätsding nicht, deshalb möchte ich auch im Line-Up kein (CH) hinter meinem Namen. Ich sehe mich nicht als „Schweizer“, was soll das sein? Ja, es gibt hier schöne Berge und Seen und viele japanische Touristen und ich bin halt dazwischen.

Deine Alben bei Haunter Records erschienen digital, aber auch auf Kassette. Wieso dieser Tonträger? Ist das einfach Nostalgie, Anachronismus oder sogar eine Art Revolution, um neue Nischenmärkte zu erschließen?

Das lag vor allem am Konzept des Labels, das hat damals nur auf Tape veröffentlicht. Natürlich habe ich mir auch Gedanken dazu gemacht und war anfangs skeptisch, ob Leute überhaupt noch Kassettendecks haben. Aber ich denke Menschen wollen einfach zusätzlich zu den Files etwas in der Hand haben – sei es eine 7-inch, ein Tape oder einen Toaster.

Welche Künstler findest du musikalisch derzeit besonders spannend?

Puh, da muss ich kurz überlegen. Eine Band aus Luzern finde ich sehr interessant: Wavering Hands, das Beste aus der Schweiz seit langem. Die haben kürzlich ein super Album veröffentlicht, aber es leider nicht ordentlich promotet, weil es, bei aller Liebe, einfach so verplante Typen sind. Aber vor denen habe ich unglaublichen Respekt, auch weil sie es schaffen, in ihrer jungen Karriere schon so konzeptuell und durchdacht zu arbeiten, wie ich es mir nur wünschen kann.

Danke für das Gespräch!

Text von Hannah Christ

As a monicker, S S S S is an exercise in difference and repetition, reducing swiss producer Samuel Savenberg’s name to a string of basic elements—all equal and different.
S S S S performs his variation of a new kind of Industrial in clubs from Milan over Berlin to Moscow. Throbbing Gristle’s, SPK’s or Haus Arafna’s audience can put their minds at rest: A new generation of uncompromising artists has been provided for.

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Soundcloud
Resident Advisor
Discogs

Termine
02.06.2016 Bad Bonn Kilbi, Düdingen CH
18.06.2016 B-Sides Festival, Lucerne CH
24.06.2016 Berghain, Berlin DE
19.11.2016 Sedel, Lucerne CH

Releases
Love is a dog from hell, 2014 (self released)
Administration of Fear, 2014 (Haunter Records)
Autopoiesis, 2015 (Hallow Ground)
Just Dead Stars For Dead Eyes, 2015 (Haunter Records)
Tyranny of Intimacy, 2016 (Hallow Ground)