Viennale

The Ultimate Guide to Viennale 2016

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Viennale

Die Viennale, das „Festival of Films“, findet heuer zum 54. Mal statt. PW-Magazine hat das vielfältige Programm unter die Lupe genommen und bietet einen Überblick der diesjährigen Highlights.

Folgt man der Interpretation von Viennale-Direktor Hans Hurch, beginnt am 20. Oktober „ein großes Fest für die spannendsten, eigenständigsten, lebendigsten und unverzichtbarsten Filme des Jahres.“ Tatsächlich erfreut sich die Viennale einer großen Anzahl treuer AnhängerInnen, die das zwischen Publikumsfestival und Filmkultur kuratierte Programm zu schätzen wissen. 300 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme warten auf die Erkundung von fast 100.000 BesucherInnen. Einen ersten Eindruck vermittelt uns der diesjährige Trailer von Klaus Wyborny, der uns mit Aufnahmen des Projektorlichts, das im Dunklen des Kinos die Leinwand erhellt, zum Aufbruch ins Ungewisse einlädt.

Festival of Films

In den von Hans Hurch persönlich ausgewählten Filmen findet man neben größeren Produktionen vor allem auch Filme, die es nicht in den regulären Kinospielbetrieb schaffen werden. Dieser Mut zu experimentellen Werken, kombiniert mit der treffenden Auswahl eines ästhetischen Auges, macht die Viennale zu einem der interessantesten Publikumsfestivals in Europa. Zusätzlich erfüllt es mit der großen Auswahl an Dokumentarfilmen einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag und bietet eine Bühne für experimentelle Filmschaffende abseits des Mainstreams.

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Foto von Dominik Geiger

Film, Film,…

Retrospektive, Kinemathek, Tributes und Specials: Neben der Aufführung von neuen filmischen Arbeiten bietet die Viennale unzählige weitere Möglichkeiten, die Ecken und Nischen des Kinos zu erkunden.

Im Jahr 1934 präsentierte Alfred Hitchcock seinen Film The Man Who Knew Too Much der Öffentlichkeit. 1956 und damit zweiundzwanzig Jahre später feierte die von Alfred Hitchcock selbstgedrehte, gleichnamige Neuverfilmung Premiere und wurde einer seiner bekanntesten Filme. Reproduktionen wie diesen widmet sich die Viennale mit der Retrospektive „Ein zweites Leben“ – und der Aufgabe, diese nicht als Wiederholung zu sehen, sondern als Weiterentwicklung einer Geschichte, als Weitergabe einer Figur oder als Einbettung eines Themas in einen anderen Kontext. Bei 25 Gegenüberstellungen können die ZuschauerInnen heuer zweimal hinsehen und versuchen, hinter den Geschichten und Figuren weitere Facetten zu erkennen.

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So kann man sich gleich zweimal auf die Jagd nach einem Kindermörder machen, einmal in Fritz Langs Meisterwerk M aus dem Jahr 1931 und wieder in der 1951 von Joseph Losey amerikanischen Version M. In drei hervorragenden Filmen wird die Geschichte einer Frau erzählt, die sich aufgrund ihrer Liebe zu einem jüngeren Mann den (Vor)urteilen der Gesellschaft stellen muss: All That Heaven Allows (1955, Douglas Sirk), Angst Essen Seele Auf (1974, Rainer Werner Fassbinder) und Far From Heaven (2002, Todd Haynes). Wem die schräge Inszenierung von Yorgos Lanthimos Film Kynodontas (2009) gefallen hat, findet mit Arturo Ripsteins Film El Castillo De La Pureza aus dem Jahr 1973 eine Doppelvorstellung, die sich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten im Charakter des Hauptdarstellers macht, welcher seine Familie aus Schutz vor der bösen Umwelt zuhause gefangen hält. Und wer nach Kill Bill: Vol. 1 (2003, Quentin Tarantino) nochmal auf einen blutigen Rachefeldzug gehen will, sollte sich das Pendant Shurayukihime (Lady Snowblood) von Toshiya Fujita aus dem Jahr 1973 nicht entgehen lassen.

Mehr als nur Film

Das Viennale Festivalzentrum bietet mit Parties, Konzerten und Gesprächen tägliche Unterhaltung bei freiem Eintritt. Eine Einführung zur diesjährigen Retrospektive bietet die Diskussion am 23. Oktober „Don’t play it again, Sam!“, welche Antworten auf die Aufgabe von Repetition und Originalität finden will. Tags darauf wird mit Su Friedrich über das Älterwerden und ihren neuen Film I Cannot Tell You How I Feel gesprochen.

Dazwischen wir gefeiert: zum Beispiel bei einem bestimmt schweißtreibenden Live-Auftritt von Erobique, einem intimen Klavierkonzert von Martin Kohlstedt und natürlich zu Halloween bei „Club mit Halloween“. Das vollständige Rahmenprogramm findet sich hier.

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Foto von Maria Urban

Dark is the Night

Zu später Stunde aus dem Kino durch die dunklen Gassen Wiens nachhause zu schlendern, ist nie so schön wie zu Zeiten der Viennale. Alle NachtliebhaberInnen sollten sich also die folgenden Vorstellungen nicht entgehen lassen:

Manchester By The Sea (Kenneth Lonergan, USA, 2016) 20.10 / 23:00 Uhr / Gartenbaukino
La La Land (Damien Chazelle, 2016) 2.11. / 23:00 Uhr / Gartenbaukino
Elle (Paul Verhoeven, F/D, 2015) 25.10. / 23:00 Uhr / Gartenbaukino

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Ganz schön unheimlich kann es bei den folgenden zwei Horrofilmen werden. Wir empfehlen nicht alleine zu sein, wenn man kurz nach Mitternacht aus dem Kino ausgespukt wird:

Goksung (Na Hong-jin, Südkorea, 2016) 24.10. / 23:00 Uhr / Gartenbaukino
Under The Shadow (Babak Anvari Iran, Jordanien/Katar/GB, 2016) 26.10. / 23:00 Uhr / Gartenbaukino

PW-Magazine’s Favourite 15+5

Wir haben uns durch das schier unendliche Programm der Viennale gelesen und 15 Spielfilme und 5 Dokumentarfilme ausgesucht, die du nicht verpassen darfst.

Spielfilme:

1. Hymyilevä mies (Juho Kuosmanen, Fin/D/S, 2016)
Der finnische Film erzählt die wahre Geschichte des Boxers Olli Mäki in gekonnt nordischer Manier. Nach der Premiere in Cannes und dem Hauptpreis in der Sektion „Un Certain Regard“ wird er als diesjähriger Kandidat für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ gehandelt. Ein garantiert einzigartiger Film, der mit vielen schönen Aufnahmen und wunderbar inszenierter Dramaturgie besticht.

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2. Rester Vertical (Alain Guiraudie, F, 2016)
Wie auch der letzte Film des Regisseurs Alain Guiraudie „L’inconnu Du Lac“ (Der Fremde am See) behandelt auch sein jetziger Film ein Drama, das durch die perfekte Inszenierung einen sehenswerten Spannungsbogen zwischen Mysteriösem und Sexuellem geschaffen wird.

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3. L’avenir (Mia Hansen-Løve, F/D, 2016)
Die gefeierte Regisseurin Mia Hansen-Løve wirft in diesem Film Fragen nach dem Glück, dem Sinn und Unsinn des Lebens auf. Es ist ein intensives und augenzwinkerndes Frauenportrait mit einer großartigen Isabelle Huppert.

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4. Arrival (Denis Villeneuve, USA, 2016)
Wer die bisherigen Filme von Denis Villeneuve (Incendies, Enemy, Sicario,…) gesehen hat, weiß, dass der Ausflug des Regisseurs ins Science-Fiction Genre kein gewöhnlicher wird. Die Erwartungen für diesen Wissenschaftsthriller sind hochgesteckt – wir sind gespannt.

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5. Ang babaeng humayo (Lav Diaz, Philippinen, 2016)
Heuer ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen erzählt der 227-minütige Filmepos die Geschichte einer zu Unrecht verurteilten Frau, die sich nach dreißigjähriger Gefangenschaft aufmacht, Rache am Schuldigen zu nehmen. Man kann sich auf eine emotionale Reise zwischen Einsicht und Vergeltung freuen.

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6. Manchester By The Sea (Kenneth Lonergan, USA, 2016)
7. Thithi (Ram Reddy, Indien/USA, 2015)
8. La La Land (Damien Chazelle, USA, 2016)
9. Eshtebak (Mohamed Diab, Ägypten, F/VAE/D, 2016)
10. Paterson (Jim Jarmusch, USA, 2016)
11. Elle (Paul Verhoeven, F/D, 2015)
12. Forushande (Asghar Farhadi, F/Iran, 2016)
13. I, Daniel Blake (Ken Loach, GB/F/B, 2016)
14. Goksung (Na Hong-jin, Südkorea, 2016)
15. Sieranevada (Christi Puiu, RO/F/BiH/MK/HR, 2016)

Dokumentarfilme:

1. Sonita (Rokhsareh Ghaem Maghami, D/CH/Iran, 2015)
Um der Zwangseheschließung zu entgehen, entscheidet sich die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh für ein Leben als Rebel Girl im iranischen Exil.

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2. De Palma (Noah Baumbach, Jake Paltrow, USA, 2015)
Indiefilmer Noah Baumbach zeigt uns in dieser Dokumentation das Schaffen des Regisseurs Brian De Palmas, der verantwortlich für Filme wie „Scarface“ und „The Intouchables“ ist.

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3. Daft Punk Unchained (Hervé Martin-Delpierre, F/GB, 2015)
MusikerInnen stöbern durch ihre Archive und erzählen dabei die Entstehung der futuristischen Musik des Elektroduos Daft Punk.

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4. Listen To Me Marlon (Stevan Riley, GB, 2015)
5. Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte… (Corinna Belz, D, 2016)

Text von Matija Rutar
Fotos von Viennale