Tanzen bis die „Basij“ kommt – Parties im Iran

Tanzen bis die „Basidsch“ kommt – Parties im Iran

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Tanzen bis die „Basij“ kommt – Parties im Iran
In einer Kooperation zwischen Sensa Nostra und PW-Magazine werden regelmäßig Texte in deutscher Übersetzung veröffentlicht und zu den englischen Originalen verlinkt.

Sahila Mustafayeva hat Einblicke in das geheime Nachtleben im Iran bekommen. Mit den Underground-Parties lehnte sich die Jugend auch gegen das herrschende System auf.

Durch die islamische Revolution von 1979 wurde im Iran das säkulare Herrschaftssystem von sakralen Strukturen abgelöst. Das daraus entstandene System dient dazu die Kontrolle über die Bevölkerung zu gewinnen und deren Freiheit einzuschränken. Die iranische Jugend hatte es sich zur Aufgabe gemacht an den Mauern des religiösen Kontrollstaates zu rütteln. Sahila Mustafayeva von Sensa Nostra hat mit der jungen Iranerin Sepideh Aqazade gesprochen, die ein anderes Leben abseits der wachsamen Augen des Staates kennt:

Die Medien vermitteln das Bild eines Irans, in dem es keine Freiheit gibt – aber es ist nicht immer alles wie es scheint. Ich habe dort gelebt und es mit eigenen Augen gesehen. Von außen betrachtet sieht man Menschen, die strikt nach den strengen Gesetzen des Staates leben. Die Durchdringung von Staat und Religion wird von verschiedenen Organisationen bestärkt. Da gibt es zum Bespiel die Moralpolizei namens „Basidsch“, die versucht, das alltägliche Leben der Bürger zu kontrollieren. Dahinter existiert aber auch ein freieres Leben.

Ich kam damals nach Teheran um zu studieren. Diese Metropole, deren heiße Sommer sich so anfühlen, als gäbe es keine Luft zum atmen. Es war im Frühsommer, als ein Freund vorschlug die Uni für einen Tag zu schwänzen, um zu den leeren Garagen seines Vaters außerhalb der Stadt zu fahren. Im Iran ist auch das Unileben sehr streng. Hier können kleine Vergehen, wie das schwänzen einer Unterrichtsstunde, mit dem Verweis geahndet werden. Trotz meiner Bedenken stimmte ich zu.

Die Garagen waren größer als vermutet und lagen weit genug außerhalb Teherans um unentdeckt zu bleiben. Wir haben nur Freunde eingeladen, denen wir voll vertrauen konnten. Obwohl die Basidsch nicht jeden deiner Schritte verfolgt, muss man sich stets versichern nicht beobachtet zu werden. Aber ich habe einige Geschichten über Studenten gehört die geschnappt und bereits nach kurzer Zeit wieder freigelassen wurden. Letztendlich sind die Gesetze doch nicht so hart, so dass man meist nur für eine Nacht festgehalten werden kann.

Alkohol ist im Iran verboten, man muss es also auf dem Schwarzmarkt besorgen. Ähnlich streng verhält es sich mit der Kleidung, die zwar in allen Varianten erhältlich ist, aber häufig nicht getragen werden darf. Um das zu kompensieren verwenden iranische Frauen viel Make-Up im Alltag – eine unvorstellbare Menge Make-Up. Da wir uns nicht kleiden konnten wie wir wollten und auch unsere Köpfe immer verschleiert waren, lenkten wir die Aufmerksamkeit auf unser Gesicht.

Aber dort, in den vereinsamten Garagen habe ich jegliche Art „moralischer Sünden“ gesehen. Ich habe Leute tanzen, trinken und Drogen nehmen sehen. Die Mädchen haben „unmoralische Kleider“ getragen und auch sonst galten die üblichen Regeln hier nicht. Es war ein großes, lustiges Durcheinander aus Musik, Gelächter und Tanz. Niemand hat an die Basidsch gedacht und daran entdeckt zu werden. Es ging uns nur darum frei zu sein. Und es war alles dabei, was die iranische Regierung als unmoralisch verteufelt hat.

Wir haben bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Am nächsten Tag in der Uni wurden wir wegen des Fehlens im Unterricht bestraft. Wir mussten das komplette Gebäude reinigen…

Zu dieser Zeit habe ich Architektur studiert und uns standen riesige Bildhauerstudios zur Verfügung. An einem Tag wurden wir in Gruppen eingeteilt, um dort Modelle vorzubereiten. Wir hatten dafür bis um 22 Uhr Zeit, stattdessen wollten wir aber lieber eine Party schmeißen. Also haben wir Alkohol und andere verbotene Dinge reingeschmuggelt und es wurde gefeiert – bis der Dekan reinkam. Zur Strafe mussten wir die Uni einen ganzen Monat lang putzen, aber daran waren wir ja schon gewöhnt.

Unsere Parties waren so beliebt, dass sogar verheiratete Frauen dabei sein wollten. Stell dir das mal vor: all diese Frauen haben sich aufgebretzelt und sind feiern gegangen – während ihre Ehemänner zuhause bleiben mussten.

Nicht alle iranischen Familien sind so wie man sich es vielleicht vorstellt. In manchen is es akzeptiert, dass die Kinder oder Frauen rauchen und trinken. Nichtsdestotrotz gibt es mehr Familien in denen nach strengen religiösen Traditionen gelebt wird. Wenn Familien, sagen wir mal, einen liberalen Lebensstil ihrer Kinder missbilligen, dann verlassen diese häufig ihr zuhause und leben alleine. Diese Ausreißer werden im Iran „Ferrari“ gennant. Die illegalen Parties, unter anderem in Hörsälen oder verlassenen Gebäuden, werden häufig von ihnen organisiert. Die Gefahr dabei erwischt zu werden macht es nur noch reizvoller.

Im Iran kämpfen die Menschen umso stärker um die Freiheit, je mehr die Regierung versucht diese zu begrenzen. Die Verbote und moralischen Taboos interessierten uns nicht. Wir glaubten daran, dass bald die Zeit kommen wird, in der wir tragen können was wir wollen, tanzen können wo wir wollen und konsumieren können was auch immer wir wollen, ohne uns verstecken zu müssen. Doch um Veränderungen herbeizuführen brauchen wir Zeit und ich weiß nicht, ob ich diese neuen Tage noch erleben werde. Aber wir lassen uns die Hoffnung nicht nehmen.

Sensa Nostra ist ein Archiv menschlicher Erfahrungen, basierend auf einer Sammlung persönlicher Geschichten, Gedanken und Ansichten aus der ganzen Welt. Die häufig bizarren, einzigartigen und subjektiven Zugangsweisen zu Themen wie Identität, Sex, Kunst oder Politik dienen dazu die vielen Besonderheiten und Facetten unserer Existenz zu erkunden.

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Originaltext von Sahila Mustafayeva
Illustration von Kristina Sandbacka