Walls & Birds

„So ein Album-Album mit Hits“ – Spaghetti mit Walls & Birds

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Walls & Birds

Walls & Birds haben uns in ihre Neuköllner Küche eingeladen, um über das Touren, den eigenen Anspruch und Wahrnehmungsexperimente zu sprechen.

Kurz vorm Auftauchen, deine offenen Augen noch eingetaucht in schillernden Wogen und übersättigten Farben. Von weit weg, kaum noch zu vernehmen verhallen sanfte Klänge während im Botanischen Garten verträumte Blicke aufeinandertreffen und einander flüchtig in inniger Verschränkung ergreifen.
Von hinten, ganz unerwartet tippen Walls & Birds dir rhythmisch auf die Schulter, lassen dich sanft aufschrecken aus der verschwitzten Versenkung, um dann zärtlich wieder hinweg zu gleiten. Die drei Berliner verführen die Sinne mit einer klebrig süssen Masse, komfortabel knisternder Texturen, und befriedigenden Bässen, die deine Zunge wund werden lässt, vom vielen schlecken.

So lässt sich die Musik des Trios Walls & Birds wohl am besten beschreiben. Tillie und Leo haben Marie-Claire vom PW-Magazine in ihre kuschlige Küche in Neukölln eingeladen um Spaghetti zu essen und ein bisschen von sich zu erzählen.

Danke für die Einladung in eure Küche. Fungiert das hier auch als Proberaum? 

Tillie: Nein, wir haben einen kleinen Proberaum hier in Neukölln. Dort können wir aber leider nicht nachts proben. Wir suchen eigentlich was, wo wir auch nachts spielen können, muss ja nicht so laut sein. Eine Villa suchen wir.

Leo: Ja, genau. So ein Haus auf dem Land oder eine Villa eben.

Tillie: Ich würde eigentlich am liebsten dort wohnen wo ich dann auch probe.

Walls & Birds
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Das vorletzte Album Atlantic Bar ist ja schon etwas länger her. Ist es so, dass ihr euch aktiv vornehmt ein neues Album aufzunehmen oder entsteht das einfach so natürlich?

L: Ne, das ist schon sehr projektintensiv.

T: Wenn wir mal so weit sind, wird’s dann schon gemacht! Wir haben halt immer so viel live gespielt. Und weil wir die ganzen Songs so mit uns rumgeschleppt haben und es noch keine guten Aufnahmen davon gab dachten wir uns, dass wir sie einfach doch selbst aufnehmen. Und diese Tapes sind ja nicht so ganz offiziell. Wir verkaufen die quasi aus der Hand.

L: Wir haben sie sogar selbst überspielt und von Hand verziert!

T: Das ist viel Arbeit, aber das ist auch irgendwie schön. Ich glaube wir werden uns später freuen, dass wir das am Anfang so gemacht haben. Wir haben ja noch die Zeit. Und wenn sonst nichts geht, dann kann man auch mal einen oder zwei Tage damit verbringen Kassetten zu überspielen.

Was passiert denn mit den Songs, die nicht auf die Tapes kommen? Mein absoluter Favorit ‚Sag mal Baby‘ hat es ja leider nicht auf die Kassette geschafft.

T: Ja? Also das ist hier aus der Küche! Es gibt noch ein paar Schlager, die wir hier aufgenommen haben – aber die sind noch nicht veröffentlicht. Vielleicht kommt da mal eine kleine EP unter einem anderen Namen!

T: Von den Sachen, die wir in der Küche aufnehmen, sind schon welche veröffentlicht worden, zwei ganze Alben sogar. Wir haben so ein kleines Label, das nennt sich brokat recordings. brokat ist eher für nicht so poppige Kleinigkeiten und Untergrund-Zeugs. Nicht nur von uns, sondern auch von Freunden.

Seit wann gibt es das Label und wie viele KünstlerInnen sind darauf vertreten?

T: 2014 haben wir das gegründet und das sind bisher sieben verschiedene Artists. Aber brokat spielt sich eher im Hintergrund ab und ist auch irgendwie persönlich. Es ist keine Musik, von der ich erwarte, dass sie jemals viele Leute gut finden werden. Manche Sachen haben zu sehr Demo-Charakter, andere sind eher Ambient und ein paar seltsame Orgel-Sachen sind auch dabei. Wem Walls & Birds zu poppig ist, kann bei brokat auf jeden Fall noch was Kleines finden! Das Album Artifacts Into The Past zum Beispiel klingt wie früher bei so Indie-Indie-Künstlern, so ein heimeliges Teenie-Gefühl, bei dem man sich nach der großen Welt sehnt.

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Habt ihr für eure Projekte, die nicht unter Walls & Birds laufen, schon einen anderen Namen?

T: Ich finde das immer ein bisschen schwierig, wenn Leute tausende Projektnamen haben. Aber es ist wiederum auch nervig, wenn man unter einem Namen ganz viel verschiedenes Zeug macht. Walls & Birds ist ja eigentlich schon irgendwie unsere Firma. Wir wollen da nicht ständig irgendwas Anderes – für manche Leute bestimmt auch Nettes – sondern einfach etwas Kohärentes veröffentlichen. Die Leute sollen wissen um was es da geht.

Ihr achtet also darauf, was zu Walls & Birds passt und der Rest bleibt eher im Hintergrund?

L: Es ist glaube ich nicht die Frage was passt, sondern was unseren Ansprüchen genügt.

T: Als künstlerisch Schaffender irgendeiner Art hat man fast schon die Aufgabe ein Filter zu sein, zwischen allen Möglichkeiten, also allen Songs, die man schreiben könnte und dem Publikum. Es gibt einfach so viele Songs – die kann man gar nicht alle veröffentlichen. Da muss man sich schon ein bisschen Mühe geben und darf auch nicht allen kleinen Ideen nachgeben. Aber das ist ein bisschen in Mode gekommen, hab ich so das Gefühl. Ständig werden irgendwelche Demo-Tapes, Bootlegs und andere Hintergrundgeschichten veröffentlicht. Dabei ist es ja eigentlich ganz nett, wenn sich jemand so richtig Mühe gibt und auch schon unter den Ideen aussortiert.

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Ihr geht im September auf Tour, dieses Mal auch international. 

L: Stimmt. Deutschland, Benelux und England mit dem Auto – das ist so der Plan. Unsere Touren sind bisher selbst organisiert. Das läuft alles nur über persönliche Kontakte.

T: Touren ist immer sehr schön – egal wie klein die Locations oder Städte sind. Es ist so toll für Leute Musik zu machen und war bisher auch immer sehr entspannt. Wir sind nicht so gestresst, wir haben keinen Zeitdruck von wegen: „Jetzt müssen wir endlich mal fett Kohle verdienen mit unserer Musik“. Und das ist eigentlich schon ganz angenehm.

L: Wir haben ja noch unser ganzes Leben!

T: Ja, es ist halt echt nicht unser Anliegen jetzt mit Anfang 20 kurz mal einen Hit gehabt zu haben, ein bisschen bekannt gewesen zu sein und auf einem größeren Label zu veröffentlichen. Und dann so Anfang 30, ohne dass du dann jetzt groß Kohle hast, zurückblickst und sagst: „Ah ja, da hatten wir mal so eine Band und haben da so ein bisschen Musik gemacht – ach damals“, weißte?
Ich hab schon Lust, dass wir in eine Position geraten, in der wir zu allen Zeiten die nötigen Kontakte haben eine kleine Tour zu spielen. Einen Monat lang in irgendwelchen Kulturhäusern in mittelgroßen europäischen Städten, wo die Karten so 25 Euro Eintritt kosten und dann jeden Abend 300 Leute da sind. Wir machen da jetzt ja auch nicht mega die Pop-Show. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das für Kinder ganz gut wär.
Wenn man zu uns kommt, dann erlebt man einen Abend, bei dem man was vorgeführt bekommt – wo nicht nur ein Lied nach dem anderen gespielt wird. Also dass du auch hingehen kannst, wenn du uns überhaupt nicht kennst und noch mehr als nur die Musik bekommst. Und da kann ich mir schon vorstellen, dass man sich damit so einen kleinen Namen machen kann. Also ich weiß auch nicht, aber so stell ich mir das vor. Der Leo stellt sich bestimmt was ganz anderes vor?

L: Ja, ich meine eigentlich wird so was ja heute gar nicht mehr gebraucht. Dass die Leute sich auf eine Bühne stellen und dir Musik vorspielen.

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Was brauchen die Leute denn?

L: Es wäre es wahrscheinlich besser man macht irgendwas, was gut im Internet aufzufinden ist. Mit dem Computer gemacht, damit es ein bisschen besser klingt. Wir machen das ja auch nicht, um die Massen zu erreichen. Es ist halt so, dass man sich ein bisschen verbindet um zusammen was zu machen.

T: Musiker zu sein bringt ja auch alle Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten wie jeder andere Beruf auf der Welt mit. Andere machen eine Ausbildung, arbeiten dann in einem Betrieb und entscheiden sich somit für einen bestimmten Lebensweg. So entscheidet man sich ja auch irgendwie dazu Musiker zu sein. Es ist schon ganz gut so wie es ist, bisher bereue ich es nicht. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich es irgendwann bereuen werde.
Jannis, sag doch auch mal was!

Jannis sieht sehr fesch aus. Habt ihr den gerade aus dem Drucker gelassen?

L: Den haben wir aus einem Poster ausgeschnitten!

Walls & Birds

Genug von Konzerten – euren Online-Auftritt finde ich auch sehr spannend. Irgendwie ist eure Präsentation zwar schlüssig und ansprechend, aber so richtig schlau wird man daraus auch nicht.

T: Naja, das gehört auch zu dem, wie wir das machen wollen. Das ist noch so ein Ausprobieren, oder so ein Schauen was dabei rauskommt. Ich hab auch früher schon Videos gemacht und viel gemalt – eben nicht nur Musik.
Bei den neueren Videos haben wir das ganze Material zum ersten Mal selbst gedreht. Früher hab ich viel mit Found Footage gearbeitet, was mich aber mittlerweile schon fast ein bisschen langweilt. Aber dadurch hat sich dieser Stil entwickelt. Schon bewusst, aber das hat sich so ergeben. Auch weil es sich im Internet so nett anschauen lässt.

Was ist mit dem Video am Strand, das zu ‚Sweet Lovin Woman‘?

T: Das ist eigentlich ein anderes Musikvideo. Von Ben Howard glaube ich! Das hat einfach direkt ganz gut drunter gepasst. Ja, das Sehen spielt schon auch eine große Rolle! Es ist auch nett zu beobachten, wie das so zusammen verrechnet wird. Wenn du einen Ton unter ein Video legst und es so einigermaßen passt, dann versteht man es sofort voll. Auch wenn die Musik nicht ganz auf die Schnitte passt, macht das irgendwie gar nichts. Es ist weniger, dass es wirklich so gut passt, als dass man es dann so empfindet. Also solche Wahrnehmungsexperimente finden schon auch statt.

Bei eurem letzten Album, dem ‚Daytona Beach‘, seid ihr das alles ein bisschen anders angegangen.

T: Genau, das ist quasi so eine dreiteilige Sache – da gibt es was zu hören, lesen und sehen. Dieser Daytona Beach, die Kassette – da sind die Lieder drauf. Zu den Songs gibt es Videos auf YouTube, damit man Bilder zu den Personen hat, die in der Musik vorkommen. Und dann gibt es noch eine kleine Geschichte in Form von einem Zeitungsartikel.

Wie ist dieser Artikel entstanden?

T: In diese Geschichte haben wir alle irgendwie was reingeschrieben und damit nerven wir bestimmt englische Muttersprachler. Der Artikel könnte auf jeden Fall zu einem weirden Bild von uns beitragen. Das ist einfach wie ein kleines Märchen. Es ist eher eine Erfahrung das zu lesen, als dass man jetzt so viel Inhalt davon bekommt.

Ich finde auch die Musik fühlt sich an wie ein Märchen. 

T: Ja, aber ich finde es gibt nicht so einen wirklichen Hit. Wenn ich an ein Album denke, dann denke ich an so ein Ding das man in der Hand hat und da ist dann vorne Michael Jackson drauf und dann gibt es 10 Songs, die sind alle krass gut. Das ist dann in den Charts und das ist so krass einfach.
Und das Tape ist eher dafür gedacht, dass man sich das halt anhört. Das ist schon fast so eine Familiensache. Die Leute erzählen, dass sie es am schönsten finden wenn sie in der Badewanne liegen und das auf dem Kassettenrekorder läuft. Ich stell mir das so zum Kuscheln abends ganz gut vor. Es läuft leise und ist gar nicht so eine große Sache. Eigentlich fast schon eine Stimmung. Es bleibt alles ziemlich ruhig und im gleichen Tempo. Das nächste Album wird dann aber wahrscheinlich schon so ein Album-Album!

Mit Hits?

T: So ein bisschen vielleicht!

Wann kommt das?

T: Wahrscheinlich Anfang 2017. Wir gehen voraussichtlich im November ins Studio. Aber davor spielen wir noch ganz viele Konzerte.

Text von Marie-Claire Gagnon
Fotos von Tereza Mundilová
Intro von Benedikt Merkle