Pictorial Candi

Herzlich Willkommen im Instant-Traum von Pictorial Candi

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Pictorial Candi

Träume aus der Konserve, ein David Foster Wallace Zitat und die große Erzählung des Erwachsenwerdens – PW-Magazine über Pictorial Candi und ihr jüngstes Album „fOREVER TILL YOU DIE“.

Da ist ein Schwimmbad, ein Beachvolleyballfeld, ein dicker Herr, der sich umständlich seine Badehose unterm Handtuch anzieht, und eine junge Frau, die hier mit mollig-speckigen Jungs Tischtennis spielt und sich am Beckenrand sonnt. Das Video gehört zu dem Song „Rhoda“ von Candelaria Saenz Valiente alias Pictorial Candi, zu finden auf ihrem letzten Album fOREVER TILL YOU DIE, welches im Mai 2016 auf dem Berliner Label Mansions & Millions erschienen ist. Herzlich Willkommen in ihrem Traum.

Fragt man Valiente, was das alles zu bedeuten hat, beschreibt sie ihr aktuelles Album als eine Hommage an die große Erzählung des Erwachsenwerdens. Coming of Age, bloß ohne „coming“ und ohne „aging“. Das Album ist ein auf Abruf verfügbarer Instant-Traum. Alles hier wirkt seicht und einfach und folgt einer traumähnlichen Logik, in der die Dinge so dick in Watte verpackt sind, dass die Widersprüche und Paradoxien eines niemals endenden Teenagerdaseins nahezu verschwinden. Jeder Song klingt auf eigene Art wunderschön verrauscht und unscharf. Es ist als hätte der Begriff des Dream Pop erst mit dieser Veröffentlichung seine wahre Bedeutung gefunden.

“For month there have been dreams like nothing before: moist and busy and distant, full of yielding curves, frantic pistons, warmth and a great falling…“ – David Foster Wallace

Sehr gern lässt Valiente verlauten, dass all ihre Lieder völlig zufällig entstehen würden und dass der Versuch, ein homogenes Album zu produzieren ihr einfach nicht gelänge, so sehr sie es auch versuche. So komme es nun mal, dass ihre Veröffentlichungen immer den Charakter eines Mixtapes besitzen. Auch das klingt so schön einfach, macht jedoch im Hinblick auf Valientes künstlerisches Schaffen Sinn. Die zweite EP „DRINK“ der aus Buenos Aires stammenden und inzwischen in Warschau lebenden Musikerin und Künstlerin, erschien in Form einer Eisteeflasche mit aufgedrucktem Downloadcode. In ihrer Studienzeit entwarf sie einen Synthesizer mit leuchtenden Glühbirnen und ganz nebenbei schrieb und inszenierte sie Kurzgeschichten und Perfomances. All diese Dinge wirken ebenfalls wie Objekte aus Traumfrequenzen. Einfach, faszinierend und irgendwie nicht so ganz real.

Beschäftigt man sich dann eingehender mit dem Schaffen von Pictorial Candi, entsteht nach und nach ein tieferes Bild, beispielsweise erkennbar an dem Foster Wallace-Zitat aus dem eingangs erwähnten Video. Das Zitat stammt aus der Kurzgeschichte „Für immer ganz oben“ und behandelt den Schwimmbadbesuch eines 13-Jährigen und wie dieser sich auf dem Weg zum Sprungturm an der Schwelle zwischen Kindheit und Adoleszenz bewegt. Die zur Perfektion inszenierte fragmentarische Erzählweise von David Foster Wallace dient Pictorial Candi jedoch nicht einfach als Inspiration für ihre Videos. In einem Interview beschreibt sie, was sie an Foster Wallaces Stil schätzt. Der Autor sei der Leserin so weit voraus, dass ihr gar nichts anderes übrig bleibe, als sich Vieles selbst auszudenken. Es sei nicht möglich, vollkommen zu verstehen, was Wallace mit seinen Texten vorhat und genau das sei für Valiente auch Kriterium für gute Musik. Der zentrale Punkt ist der, an dem man sich fragt: Was ist das? Also, wenn aus der Not heraus eine eigene Sicht auf die Dinge entsteht.

So wirken auch die liedgewordenen Traumfragmente auf „fOREVER TILL YOU DIE“. Candelaria Saenz Valiente ist uns ähnlich weit voraus und lässt uns mit ihrer Musik allein, so dass zwangsweise ein eigenes Bild entstehen muss. Niemals ganz fassbar, liegt der vermeintlichen Leichtigkeit, die Pictorial Candi in ihrer Musik transportiert, ein komplexer eigener Blick auf die die Künstlerin umgebenden Zeichensysteme zugrunde. Trotzdem sind ihre Lieder mehr als nur Bruchstücke, es sind Träume mit Hand und Fuß. Valientes Musik ist Zufluchtsort und Mitteilung zugleich und ihre Botschaften sind zeitgemäß verpackt – es sind digitale Artefakte, immer da und konserviert, umgeben von einer krude anmutenden Hülle. Als Teil von Valientes umfangreichen Gesamtkunstwerk funktionieren sie als zeitgemäße und äußerst intelligente, aber weitgehend irritationsfreie konsumierbare Popmusik, während sie dabei trotzdem immer ein stückweit ungreifbar bleiben.

Der Sprungturm aus „Für immer ganz oben“ spielt übrigens auch im Video zu „Rhoda“ eine zentrale Rolle. Valiente legt sich hier zum Schlafen nieder. Für immer an der Schwelle, forever pre-teen till you die.

Text von Jann Petersen
Foto von Jonas Brinker