Feminismus 2.0: Surfen mit Pussy Propeller

Feminismus 2.0: Surfen mit Pussy Propeller

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Feminismus 2.0: Surfen mit Pussy Propeller

PW-Magazine hat sich mit Robin und Candy aka Pussy Propeller getroffen, um mit ihnen über zines, Kunst im und mit dem Web 2.0 und ihren Zugang zum Feminismus zu sprechen.

Pussy Propeller ist ein Künstlerinnen-Kollektiv aus Wien. Mit ihren Arbeiten bewegen sich Robin und Candy an der Schnittstelle von Performance, Fotografie, Video und Fine Art. Pussy Propeller erschaffen sich ihr eigenes Paralleluniversum, indem sie das Internet nicht nur zur Dokumentation sondern auch als Kunstform verwenden. In ihren Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Rezeption, Produktion, Beteiligung und Zusammenarbeit.

Stimmt es, dass ihr ursprünglich aus Miami kommt?

Candy: Unsere Eltern sind eigentlich aus Österreich und dann später nach Miami ausgewandert. Als ich auf die Welt kam, haben sie sich gedacht, dass sie noch gerne ein Kind hätten. Daraufhin haben sie beschlossen, Robin zu adoptieren. In Miami haben wir eine katholische Elementary besucht und sind danach den Privatschulweg gegangen. Mit 15 sind wir dann aus beruflichen Gründen nach Wien gezogen.

Ihr habt also sehr früh angefangen miteinander zu arbeiten.

Robin: Dadurch, dass wir gemeinsam aufgewachsen sind, haben sich auch unsere kreativen und ästhetischen Interessen parallel entwickelt. Und irgendwann war dann der Punkt da, an dem wir dem Ganzen einen Namen geben wollten.

Wie seid ihr auf Pussy Propeller gekommen?

C: Der Name leitet sich von einem Cocktail her, den Robin und ich bei unserer alljährlichen Silvesterfeier erfunden haben.

R: Das ist eine Tradition der ersten Stunde. Der Cocktail war prickelnd und pink, das beschreibt alles ganz gut. Es passt super zu dem was wir sind und was wir machen – prickelnd, frech und süß.

C: Außerdem stehen wir drauf, dass Pussy im Namen vorkommt.

Das Internet scheint ein großes Thema eurer Kunst zu sein. Wie setzt ihr euch mit diesem Medium auseinander?

C: Unsere Kunstpraxis hat ihren Ursprung in einer sehr spielerischen Auseinandersetzung, die uns Digital Natives zu eigen ist. Wir sind mit dem Internet aufgewachsen und diese Konfrontation gibt uns die Möglichkeit, uns bis zu einem gewissen Grad auf dieser Plattform auszuleben und zu inszenieren. Deshalb würde ich unsere Kunst als zutiefst performativ charakterisieren – auch wenn wir selten den Weg der Live-Performance gehen.
Die Eröffnung eines Facebook-Profils ist ja schon eine performative Leistung. Und in der Offline-Welt verstehen wir bereits unsere Anwesenheit als Live-Auftritt. Es gibt auch viele Meet & Greets mit Fans, die sich darauf freuen uns abseits des Internets zu erleben.

Wie ist es eure Fans im echten Leben zu treffen?

R: Candy benennt ihre Fans nach Pflanzen und Früchten und ich meine nach Süßigkeiten. Wie zum Beispiel Jellybean oder Pumpkin.

C: Pumpkin ist mein Lieblingsfan, der ist super. Aber da gibt es noch so einen Fan, der noch keinen Namen hat und von mir auch keinen bekommt. Der fragt mich immer, ob ich mit ihm auf der Donauinsel FKK baden gehen will.

Das geht also zu weit?

C: Unsere Eltern sind ein bisschen streng. Wir sind ja wie gesagt auf einer katholischen Schule gewesen. Sie sind zwar Mitteleuropäer_innen aber manchmal hab ich das Gefühl, dass sie ihren katholischen Background nicht ablegen können. Andererseits sind wir doch schon in einer sehr amerikanischen Gesellschaft großgeworden. Also daten ist schwierig, obwohl ich das gerne machen würde.

R: Ich bin eher die Vernünftigere. Candy ist sehr romantisch und verliebt sich wahnsinnig schnell. Da muss ich schon aufpassen, dass das nicht sofort in einem Drama ausartet. Und wenn geschmust wird, muss ich sowieso sofort eingreifen …

Mit wem schmust sie denn? Mit Männern oder mit Katzen?

R: Sowohl als auch. Und auch mit Mädchen.
C: Also mit Menschen und Tieren.
R: Und Pflanzen.
C: Manchmal …

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Wie reagieren andere Leute darauf?

C: Für uns ist unser Auftreten sehr normal. Wir fühlen uns total wohl in unseren Körpern und den Rollen, die wir uns erschaffen haben. Aber es ist anscheinend doch nicht so einfach zu verstehen, wie das alles gemeint ist. Manchmal sieht man einfach nur Fragezeichen in den Augen der Anderen.

R: Vielleicht muss man da jetzt ein bisschen ausholen. Wir sind zwei fast erwachsene Frauen, die in Mitteleuropa leben und begreifen alle Vorteile, die dieses Leben mit sich bringt als Feministinnen. Allerdings sind uns manche Formen des zeitgenössischen Feminismus schwieriger zugänglich und es fällt uns zunehmend schwerer uns selbstbewusst zu positionieren.
Gerade weil wir eine Art der Kritik gewählt haben, die sehr affirmativ ist. Diese Kritik basiert auf Aneignung und spielt mit den Klischees, die es schon gibt. Und teilweise haben wir das Gefühl, dass es nicht verstanden wird oder dass es als Angriff wahrgenommen wird – was überhaupt nicht unser Ziel ist.

Als Angriff an wen?

C: Als Angriff an einer emanzipierten Form der Weiblichkeit.

R: Ein gutes Beispiel ist unsere Heftreihe ‚Censored‘ – unser eigenes Pornomagazin. Da hören wir oft Leute tuscheln: „Was? Das machen Frauen? Voll org. Von einem Mann hätte ich das noch erwartet aber von Frauen? Unmöglich!“

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Ihr spielt ganz bewusst mit der Schnittstelle zwischen Kunst und Trash.

C: Unsere Ästhetik setzt schon ein gewisses Maß an Reflexion voraus. Im Grunde genommen soll diese Art der Präsentation unsere Internet-Praxis in einen Galeriekontext übersetzen. Jemand, dem diese Art der Ästhetik neu ist, kommt damit manchmal etwas schwer klar. Ein Facebook-Profil kann für diese Menschen nie die Grenze zwischen Nieder- und Hochkultur überschreiten. Und genau das finden wir spannend. Wir stellen gerne das dar, was uns als Personen im Web 2.0 ausmacht.

R: Es ist so, als würdest du dir einen Tumblr bauen: Der hat eine Startseite, die du mit allen möglichen Inhalten füllen kannst. Dabei vermischen sich die eigenen Fotos mit jenen, die man im Internet findet. Und so pflasterst du alles voll mit Zeug.

C: Für uns ist es ganz essentiell, diesen Prozess der Erschaffung eines eigenen Universums nachvollziehbar zu machen. Und zwar auch für Menschen, die weder Facebook noch Twitter, Tumblr oder Instagram haben.

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Wie würdet ihr eure Kunst kategorisieren?

C: Ein Grundproblem ist immer noch die Definition von Kunst, die von der breiten Masse geteilt wird. Oder die Vorstellung von dem, was eine Ausstellung sein soll. Was bedeutet künstlerische Leistung? Weder Robin noch ich stellen uns hin und malen ein Bild.

R: Eigentlich ja schon, nur machen wir es auf Nagelpaletten.

C: Das ist aber eine Spezialform der Malerei. Ich finde, Nail-Art sollte auf jeder Kunstakademie unterrichtet werden, weil es gar nicht so einfach ist, wie es aussieht.
Generell ist es sehr schwer Menschen begreiflich zu machen, dass die Tatsache ein Facebook-Profil zu unterhalten auch Kunst ist. Weil für diese Leute Kunst nach wie vor bedeutet, dass zumeist männliche Künstlergenies sich im finsteren, kalten Atelier rauchend zurückziehen, den Pinsel nehmen und dann Großartiges schaffen – das dann auch noch schön anzusehen ist.

R: Für uns ist es auch ein Teil unserer künstlerischen Leistung, wenn wir uns für eine Vernissage herrichten und als Pussy Propeller anwesend sind.

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Wie seid ihr zum Feminismus gekommen?

 C: Wir werden in unserer professionellen Tätigkeit von Supervisors unterstützt. Wie es der Zufall so will, ist meine nicht nur Künstlerin sondern auch Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin. Während ihren Studien hat sie sich sehr auf die Gender Studies konzentriert. Dadurch profitieren wir natürlich auch.

R: Meine Supervisorin bringt zum Beispiel sehr viel technisches Know-how mit. Die beiden harmonieren sehr gut und haben uns mit unseren 20 Jahren großartig geschult, sowohl was die theoretische als auch was die realpolitische Geschichte des Feminismus betrifft.

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Binden eure Supervisors euch auch in ihre eigenen Projekte ein?

C: Absolut! Selbstverständlich lassen sie uns auch da nicht außer Acht. Viele dieser Projekte basieren auf Partizipation. So trägt es sich zu, dass der Pussy Propeller am Samstag, den 8. Oktober im Rahmen eines zine-Projektes der graphikkinder einen Tumblr-Workshop geben wird, um die Möglichkeiten des Self-Publishing in Zeiten des Internet zu beleuchten.
Alle Interessierten sind natürlich dazu eingeladen bei freiem Eintritt mit ihrem Laptop vorbeizukommen und sich einen Tumblr zu basteln. Außerdem werden wir natürlich bei der zine-Fair vertreten sein. Dazu gibt es dann auch eine Party am 15. Oktober im celeste.

R: Wir und ganz viele andere tolle Leute wie zum Beispiel Soybot, Jakub VrbaFranz und die brüterei sind dann dabei und stellen unsere Projekte vor!

Oft werden zines als Fetisch-Objekte betrachtet, welche schön anzusehen sind. Wie versucht ihr dem entgegenzuwirken?

C: Rein graphisch nehmen wir den Zeitgeist auf und möchten ein Augenmerk auf die Publikumsbeteiligung werfen. Dabei wollen wir auch den Aspekt des „nicht-verweilen-wollens“ aufgreifen, indem wir etwas schaffen, womit man sich beschäftigen muss.
Die Colouring-Books tun das auf eine ganz unmittelbare Weise, indem die Käuferin dazu aufgefordert wird sie auszumalen. Anderseits haben wir unsere Porno-Hefte, bei denen man sich schon Gedanken machen muss, weil wir ja auch nicht alles zensieren. Was bedeutet zensieren? Warum wird zensiert? Uns ist schon wichtig, dass diejenigen, die unsere Hefte kaufen, auch was mitnehmen.

Feminismus 2.0: Surfen mit Pussy Propeller

Text von Amar Priganica und Marie-Claire Gagnon
Fotos von Laura Schaeffer