Eine Wiener Liste: Die besten 50 Tracks von 2016

Eine Wiener Liste: Die 50 besten Tracks von 2016

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Eine Wiener Liste: Die besten 50 Tracks von 2016

Zehn Wiener DJs gewähren einen Einblick in ihren musikalischen Kosmos, erzählen was oder wer sie 2016 begeistert hat und präsentieren euch fünf ihrer Lieblingsstücke.

Anna Leiser

Allein mit den Wiener Acts und Releases diesen Jahres ließen sich mehrere Listen füllen. Neben Labelgründungen wie Neubau, Ashida Park, Secret Crunch und Bare Hands gelingt es auch altbewährten Institutionen wie Editions Mego nach wie vor, herausragende Acts aufzulesen und ins Boot zu holen. Reissues wie Westblock bereiten längst nicht nur mehr den Zeitzeugen Freude und insgesamt scheint Wien musikalisch gerade wieder etwas mutiger zu werden – nicht zuletzt durch Festivals wie sound:frame, Electric Spring, Popfest, BLISS und Unsafe+Sounds. Trotz aller widrigen Umstände werden diese Festivals mit viel Ambition und Herzblut kuratiert und fordern die Rezipienten. Langsam lässt sich auch ein wachsendes Bewusstsein bezüglich (unausgeglichenen) Geschlechterverhältnissen in Bookingfragen zu verzeichen, wenngleich es hier immer noch sehr großen Aufholbedarf gibt. Die Gründung von femdex konnte dabei in jedem Fall einen wichtigen Beitrag leisten.

Anna Leiser ist DJ und Mitbegründerin der Veranstaltungs- und Podcastreihe Bebop Rodeo.

Antonia

Ich habe nie viel von Genregrenzen und -bezeichnungen gehalten, aber 2016 war das Jahr in dem sich der Begriff „Contemporary Club“ beziehungsweise „Hybrid Club“ für mich geprägt hat. Zeitgenössische Clubmusik bedeutet für mich die Freiheit Musik zu spielen, die nicht nur keine Genregrenzen sondern auch keine Ländergrenzen kennt. Musik, die keine Angst vor Pop, Mainstream und Emotionalität hat, aber konstant den Anspruch stellt experimentell und innovativ zu sein. Gleichzeitig ist die Bewegung um dieses Nicht-Genre ziemlich politisch—für manche mehr, für manche weniger—aber immerhin impliziert die Musik schon eine deutliche Abneigung gegenüber der Vorstellung, in einer homogenen Welt zu existieren.

Antonia ist DJ , Veranstalterin von In Dada Social und Teil von Canyoudigit. 2016 co-gründete sie das „Hybrid Club & Digital Life“ Label Ashida Park.

Codex Empire

2016 was a complex year, with political and economic turmoil mixed with the loss of some great artists and musicians such as Bowie, Cohen and Alan Vega. From a personal, musical perspective 2016 was a high point. I was honoured to play sets at Berghain, Krake Festival and Boiler Room in Berlin, and shows all across Europe. I’m constantly amazed by the reaction to my live shows, and greatly appreciate everyone who organised a show or came along to to see me this year. Looking forward to 2017.

Egyptian Lover – Voices

Quite how Egyptian Lover escaped my radar for so many years I have no idea. But I’m thankful to Stones Throw for releasing an early career retrospective including many classic and unreleased Egyptian Lover tracks.

Bruch – The Lottery To My Sanity

A fixture of the Vienna scene for some years now, his recently released third album “The Lottery” is one of my favourite records of 2016. His sound is kind of hard to pin-down… Well crafted pop songs that sound like Lee Hazelwood and Alan Vega were locked in a room for a month and told to make a record.

Vaudou Game – La vie c’est bon

My love of African Music is no secret, and Vaudou Game, a Togolese/French band are one of the best examples of contemporary afrobeat/afrofunk. Their latest record ‘Kidayu’ is laced with infectious rhythms, catchy vocals and a number of dancefloor killers.

Veil of Light – Alles

Zurich’s finest post-punk outfit Veil of Light released their second album “Unsprung” earlier this year on aufnahme+wiedergabe. Full of dense drums, buried vocals, and walls of wailing guitars and synths reminiscent of some of the best post-punk bands of the early 80’s. A remix EP is forthcoming in early 2017, with a Codex Empire remix of the track Alles.

I Hate Models – Dissociative Disorders

Breathing new life into the industrial techno scene, new French producer I Hate Models dropped a number of dancefloor killers this year. This is my favourite.

Born in Britain but based in Vienna since many years, Mahk Rumbae produces music under various monikers and releases on high-class labels such as aufnahme+wiedergabe, Nachtstrom Schallplatten or SNTS’ newest imprint Sacred Court. Furthermore he runs Afrodisia at AU, a regular event series focussing on African music.

Erdball/Unfall

Wien entwickelt sich weiter, bleibt sich aber treu. Man kann mehr experimentieren, es gibt mehr Veranstaltungen und neue Labels, die tolle Arbeit leisten und Wien auch über die Grenzen hinaus gut repräsentieren.
Pan Daijing in der Alten Post war eine spannende Kombination aus Performance und Liveset und hat sich mir sehr eingebrannt, genauso wie DJ Stingray bei BLISS im F23 und JASSS bei Hope X, die ein Wahnsinnsset gespielt hat.
Und schade, dass die Brunnengasse 62 zumachen musste, so ein ausgelagertes Wohnzimmer mit Musik war super.

Erdball/Unfall ist eine Hälfte von Salto Capitale, Teil von Hope X und legt meist auch in dem Rahmen auf.

Joja

Die Tatsache, dass ich seit diesem Jahr wieder Radio machen kann, ist definitiv das Highlight meines Jahres. 2016 zeichnet sich für mich aber vor allem dadurch aus, dass viel Gutes in Hinsicht auf Solidarisierung von Frauen passiert ist. Zunächst konnte ich auf Einladung von Anna Schauberger [the unused word] mit anderen Ladies im Sommer gemeinsam Musik produzieren, femdex ist entstanden und die älteste Burschenschaft Österreichs hat Aufmerksamkeit erregt. Das beste DJ Set lieferte in meinen Ohren Ranah Geist beim Real Deal Festival ab, der Abend, welcher von BLISS überhaupt großartig gestaltet war. Canudigit und sound:frame brachten mit Machinedrum ein fantastischen Liveact auf die Eutopia Bühne des DIF, In Dada Social mit Paigey Cakey für mich den Rap Act des Jahres und Tonica mit ihrer ON FLEEK Party Reihe mein liebstes Tanzprogramm. Ich kann auf viele durchtanzte Nächte zurückblicken, aber es sind dieses Jahr vor allem auch ruhigere Alben gewesen, die mich berührt haben. Für 2017 wünsche ich mir, dass Frauen in heimischen Line-Ups keine Seltenheit mehr sind und reine Würstelstand Parties endlich der Vergangenheit angehören.

Joja moderiert seit einem halben Jahr einmal im Monat FM4 La Boum De Luxe, ist DJ und Architektin. Sie liebt heavy Basslines, klangvolle Synthesizer Harmonien und fette Beats, ihr Lieblingsinstrument ist aber die Stimme.

Laminat/Kobermann

Ein Jahresrückblick bringt eine gewisse Sentimentalität mit sich: man schwelgt in Erinnerungen, erinnert sich an Momente und hört erneut Tracks und Mixes durch das geistige Ohr. Aus der egozentristischen Sicht des klassischen Wieners ist quasi nichts Neues gekommen; passieren tut in der eigenen Blase kaum etwas und das was passiert ist quasi nicht erwähnenswert. Das stimmt zum Glück nicht mal im Ansatz. Nachdem ich mittlerweile seit zehn Jahren in dieser Stadt, die einem Dorf ähnelt, residiere, kam mir 2016 so unglaublich erfrischend vor als wäre ich gerade erst gestern hier gestrandet. An quasi jeder Ecke kamen Ideen und Konzept, Konglomerate und neue Ansätze daher geflattert und blieben dabei unaufgesetzt und unprätentiös als wäre die Gravitation einfach ausgesetzt worden. Diese Dinge bewegen sich halt nicht an der Oberfläche und schreien einem ins Gesicht. Da bedarf es einem gewissen Wagnis sich aus der eigenen Comfortzone herauszuschälen, um diesen Schwall der Versatilität zu inhalieren. Wo viel lob, da auch Kritik, wobei es hier um ein Sudern auf aller höchstem Niveau handelt und bereits die ersten Schritte unternommen wurden, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein: Absprachen hinsichtlich Terminkollisionen sind nach wie vor erwünscht. Zwar wächst das Publikum des sehr guten Geschmacks. Jedoch ist die Anzahl der Begeisterten nach wie vor überschaubar und ich bin nach wie vor begeisterter auf einer ausgewählten Party statt zerrissen auf der Couch, weil sich kein Entscheidungswille in dieser Flut von Angebot einstellen will.

Laminat/Kobermann ist Brückenbauer, Inklusionsschwärmer, Ascending Waves Gründer und legt auch ein wenig auf, wenn es sich ausgeht.

Minou Oram

2016 war musikalisch gesehen ein überaus wichtiges Jahr für mich. Femdex ist entstanden und hat große Wellen geschlagen, ich durfte ein paar Städte außerhalb von Wien bespielen und habe einen persönlichen Stil gefunden, der vieles vereint, was mir wichtig ist, ich früher aber manchmal als unvereinbar empfunden habe. Als DJ möchte ich vor allem bestimmte Stimmungen in den Köpfen der Tänzer erzeugen; sie auf eine Reise der Emotionen schicken: eine Körper-Hypnose. Ab und zu die Rückmeldung bekommen zu haben, dass mir das gelungen ist, hat mich sehr glücklich gemacht. Außerdem ist es immer wieder schön zu merken, dass es wohl nie aufhören wird, sich mit jedem neuen Jahr musikalisch extrem entwickeln zu können und neue LieblingskünstlerInnen zu entdecken – eine unendliche Liebesgeschichte quasi. Mein Highlight war mit großem Abstand eine Live Performance von Silent Servant und Phase Fatale auf dem Atonal Festival, die meinen Anspruch für immer verändert hat. Ein Art Mischung aus einem Punkkonzert und Technorave, was eine sehr spezielle Energie erzeugt hat, die ich manchmal bei purem Techno vermisst habe. Neben diesen und den KünstlerInnen aus der Playlist haben mich dieses Jahr vor allem Roly Porter, DVA Damas, Toresch, LCC, Codex Empire, Borusiade, Inga Mauer, Alexey Volkov und Labels wie Downwards, Jealous God, Dark Entries, Cititrax und aufnahme+wiedergabe begeistert und geprägt. Und natürlich freu ich mich, dass unser Technobaby Scheitern größtenteils zu der Party geworden ist, die wir uns vorgestellt haben; nämlich ein kleiner, aber sehr ausgelassener und dreckiger Rave.
Für 2017 wünsch ich mir nun, dass Wien verantwortungsvoller mit Bedürfnissen umgeht und ein bisschen sein Ego runterschraubt.

Minou Oram ist Pomeranze– & Scheitern-Resident und Gründerin von femdex; einer Initiative, die weibliche Künstlerinnen fördert und die Bewusstsein für Lücken und Fehler im Clubsystem schaffen möchte.

Misonica

In Hinblick auf musikalische Weiterentwicklung fand ich das Jahr 2016 sehr erfreulich. In meiner Wahrnehmung hat das Experimentelle in der Club- und Musikszene wieder mehr Gewicht bekommen. Ich verstehe zum Beispiel die Veranstaltung Parken – wo bereits am Nachmittag im öffentlichen Raum experimentelle Live-Konzerte über die Bühne gingen – als deutliches Gegengewicht zu kommerziellen Clubkonzepten. Das Erstarken eines wiederkehrenden feministischen Diskurses durch femdex und den Artikel über das Ungleichgewicht in der Clubszene von Hannah Christ fand ich sehr wichtig. Erfrischend und erfreulich war für mich eine neue Zusammenarbeit und die daraus entstandene Reihe HOPE X.

Misonica ist als DJ Teil von just und HOPE X. Mit dem Verein V ARE verbindet sie Kunst mit Musik und schreibt für das PW-Magazine über in Wien ausgestellte Arbeiten.

Sedvs

In spite of – or maybe even precisely because of dreadful proceedings from the political and social point of view, 2016 might have been a breeding ground for subversive, demanding musical publications. As it is always hard to restrict yourself to these sort of lists, I decided not to pick tracks from the stuff I choose normally when I am deejaying. In fact I tried to lay my focus on music, I listen to when I am at home or on the road. Beyond that I am very delighted to say, that from my point of view, Viennas forward thinking music scene has had a brilliant year, as there were killer releases by Cheap Records / Morbid, Neubau, Codex Empire, Marie, only to name a view.

Hailing straight from Lower Austria, SEDVS, the solo project of Daniel Hartl has become synonymous with forward thinking techno and electronic music. Being part of BEDLAM and the previously featured duo HERLA, the idea behind his solo effort focuses on the intersection between Noise, Dark Wave and industrial soundscapes without straying away too far from Techno.

Walter Daniel

Dieses Jahr war auf jeden Fall ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Es ist schön zu beobachten, dass in den unterschiedlichsten musikalischen Bereichen Kollektive, Releases und Labels entstehen. Allgemeines Gemeinschaftsgefühl ist da, was in den letzten Jahren eher nicht so der Fall war.

Persönlich freut es mich, dass Labels wie Neubau die Messlatte sehr hoch halten, aus den Tiefen der österreichischen Wave Szene unveröffentlichtes Tape Material neu rausbringen und gute Freunde wie Marie und Bocksrucker zum ersten mal ihre eigene Musik auf Platte spielen dürfen. „Wien ist Achse“, normal!

Musikalische Highlights: Salto Capitale mit OMK, DJ Stingray, Liederbetätigung, Erdbahnkreuzer, Walden!

„Ein normaler, junger Mann. Ausgestattet mit einer Affinität zu Produktionen aus dem mitteleuropäischen Raum.“ – Liederbetätigung

Walter Daniel ist Mitveranstalter der Basic Rhythm Parties und 1/3 vom noch sehr frischen Musikprojekt „taurus“.