Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

Du, meine konkrete Utopie – mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

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Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

„Man macht diese Tür auf und weiß gar nicht, was man erwarten soll“. PW-Magazine hat sich mit Zara Pfeifer getroffen, um über ihr Langzeitprojekt „Du, meine konkrete Utopie“ im Wohnpark Alt-Erlaa zu sprechen.

Fotografin Zara Pfeifer lebt und arbeitet in Wien. Im Rahmen ihres Architekturstudiums an der Akademie der Bildenden Künste hat sie die Fotografie als Werkzeug entdeckt um Architektur zu diskutieren.

Ihre ersten Arbeiten veröffentlichte sie vor allem auf vor allem auf Tumblr und Flickr, wodurch sie sich recht schnell etablieren konnte. Es folgten Publikationen bei Girls on Film und Pogo Books, sowie zahlreiche Ausstellungen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den USA.

Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

Wie bist du auf Alt-Erlaa aufmerksam geworden?

An der Akademie hatten wir ein Forschungsprojekt, das „Big! Bad? Modern:“ hieß. Darin ging es um die Nachkriegsmoderne. Diese Zeit in der Architektur interessiert mich total. In Alt-Erlaa haben wir eine Führung gemacht. Ich war fasziniert von dem Bau und auch davon, dass die BewohnerInnen so glücklich sind. Man sagt die Wohnzufriedenheit sei sehr hoch. Das ist hängengeblieben und dann wollte ich mir das mal genauer anschauen.

Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

Wie hast du es als außenstehende Person geschafft in den Wohnpark zu gelangen?

Das war gar nicht so einfach. Es ist schon sehr abgeschottet, man kommt da nur mit Chip rein und die BewohnerInnen kennen sich alle untereinander – vom Sehen zumindest.
Ich habe mich für eine Führung durch die Müllanlagen angemeldet. Dadurch habe ich dann auch erfahren, dass es zahlreiche Vereine gibt – unter anderem auch einen Fotoclub. Jeder dieser Clubs hat einen Abend, an dem sich alle treffen. Zu dem Fotoclubabend bin ich dann einfach mal mit meiner ganzen Ausrüstung hingegangen. Dort habe ich dann auf ein Meer weißer Haare geblickt. Die überwiegend älteren Herren waren natürlich total perplex, dass da plötzlich so eine junge Frau stand. Das Erste, was sie mich gefragt haben, war: „Wos host für a Kamera?“. Und dann habe ich ihnen meine Kamera gezeigt, woraufhin sie meinten: „Na analog kommst net weit“.
Ich bin aber einfach drangeblieben und habe ihnen meine ersten Fotos von den Müllanlagen gezeigt. Dann haben sie mich auch ernst genommen und gesehen, dass ich schon fotografieren kann. Danach bin ich jeden Mittwoch hingegangen.
Eine Frau meinte dann, dass ich sie zum Theaterclub begleiten soll. Und so ist das ganz natürlich gewachsen.

Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

Auf deinen Bildern erkennt man, dass es in den Clubräumen keine Fenster gibt. Wie hast du dich dort gefühlt?

Anfangs gab es einige Momente, in denen ich mich gefragt habe, wo ich eigentlich gerade bin. Zum Beispiel als ich das erste Mal im sogenannten Schlechtwetterspielplatz vor der Rutsche stand. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie Kinder dort glücklich spielen können. Aber eine Mutter hat mir dann mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Freude erklärt, wie praktisch dieser Spielplatz bei Regenwetter ist, da sich ihre Kinder sonst nicht austoben können.
Dadurch konnte ich mir das auch vorstellen und die Räumlichkeiten wurden zunehmend normaler für mich. Diesen Switch gab es öfters.

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Also müssen die BewohnerInnen Alt-Erlaa theoretisch gar nicht verlassen?

Das Prinzip dieser Stadt in der Stadt ist, dass alles vor Ort ist. So war das Konzept dieser Wohnsiedlungen aus den 70ern. Du hast also die ganze Infrastruktur vor Ort – Ärzte, Einkaufmöglichkeiten, Schwimmbäder, Schulen und so weiter. Vor allem die älteren BewohnerInnen genießen es, dass sie nicht für jede Kleinigkeit mit der U6 in die Innenstadt fahren müssen.
Außerdem ist Alt-Erlaa super in Schuss gehalten. Es gibt Haustechniker, die man anrufen kann, wenn irgendwas ist. Da kommt dann jemand und kümmert sich um die kleinen Probleme im Haus.

Was wurde denn in Alt-Erlaa richtig gemacht?

Ich finde die Gemeinschaftsräume super zugänglich. Die können einfach mit dem Aufzug erreicht werden, weil sie im Gebäude sind. Es wäre etwas anderes, wenn die zusammengefasst in einem Zentrum außerhalb der Wohnkomplexe wären. Dann wäre die Hemmschwelle dort hinzugehen gleich viel größer. Außerdem sind die Wohnungen sehr privat, man hat keinen Einblick zu den Nachbarn. Durch dieses Private kann auch das Gemeinschaftliche so gut funktionieren.
Die Dachbäder auf allen Gebäuden sind außerdem absolute Lebensqualität. Ich war da auch schon ein paar Mal schwimmen und es ist nie wirklich überfüllt. Ein Schwimmerlebnis mit so einer Aussicht ist echt was Besonderes.

Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

Gibt es auch Dinge, die nicht so gut laufen?

Unter KritikerInnen gibt es manchmal die Aussage, dass diese Clubräume nach den Prinzipien, die Architekten erfüllen müssen, keine Architektur sind. Es gibt kein Tageslicht, das Raumklima sei eher nicht so gut und die Böden und Leuchtstoffröhren nicht ideal. Über die Frage, was gute Architektur ist, kann man ja diskutieren. Ich finde sehr wohl, dass Alt-Erlaa ein Beispiel für gelungene Architektur ist. Die Clubräume werden intensiv genutzt, die Atmosphäre ist total lebendig, es herrscht eine hohe Lebenszufriedenheit und die Abstände zwischen den Gebäuden bieten viel Freiraum.
Schattenseiten und Probleme gibt es wie überall natürlich auch. Aber ich habe diese typischen Kritikpunkte, die man großen Siedlungen gerne vorwirft in Alt-Erlaa nicht gefunden. Das sind zum Beispiel Anonymisierung, Ghettoisierung oder Betonwüsten. Es ist dort einfach nicht so abgefuckt.

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Viele Menschen haben Vorurteile gegenüber den BewohnerInnen von Alt-Erlaa. Wie bist du das angegangen?

Ich bin da total unvoreingenommen hingegangen und das haben die BewohnerInnen nach einer kurzen Zeit auch gespürt. Sie waren anfangs sehr rechtfertigend gegenüber ihrem Wohnort, was mich gewundert hat. Aber ich glaube das liegt eben an genau diesen Vorurteilen, denen sie ausgesetzt sind. Sie haben dann aber auch gemerkt, dass ich es eh toll finde. Mir war immer wichtig, dass sie mich und meine Fotos kennen und sie mit dem Projekt einverstanden sind. Es braucht also Zeit und es muss auch zwischenmenschlich funktionieren. Sonst könnte man das glaube ich auch gar nicht machen.

Immer mehr junge Menschen suchen aufgrund der steigenden Mietpreise nach Alternativen zu den inneren Wiener Bezirken. Könntest du es dir selbst mal vorstellen, nach Alt-Erlaa zu ziehen?

Ja, ich habe ernsthaft darüber nachgedacht! Es gibt aber eine Warteliste, in diese Wohnungen kommt man nämlich gar nicht so einfach rein. Der Prozess einer sichtbaren Gentrifizierung war für mich dort jedoch nicht zu erkennen. Für die jungen, hippen Leute aus der Stadt ist Alt-Erlaa vielleicht eher ein Ausflugsziel. Meine Freunde finden es immer ganz witzig, dass ich mich dafür interessiere. Manche schauen sich die Fotos an und lachen dann über kleine Details, die an irgendeiner Wand hängen. Aber genauso lachen die Leute aus Alt-Erlaa wahrscheinlich auch über den Einrichtungsstil in unseren Altbauwohnungen.

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Deine Eindrücke gibt es jetzt erstmals auch in einem Kurzfilm zu sehen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe während der Zeit in Alt-Erlaa auch immer Sounds aufgenommen. Von Gesprächen aber auch von allgemeinen Hintergrundgeräuschen in den Clubräumen. Somit habe ich die nun das erste Mal verwertet. Mir hat das sehr gut gefallen, weil das so eine Verdichtung von Eindrücken ist.

Hast du mit dem Projekt mittlerweile abgeschlossen?

Ich habe das Gefühl, dass ich da endlos fotografieren könnte. Es gibt so viele Themen. Eigentlich wollte ich alle Clubräume sehen, bevor das Projekt abgeschlossen ist. Es fehlen noch einige Räume, wie zum Beispiel die der Parteien. Die SPÖ, ÖVP, FPÖ und den ein oder anderen Club habe ich noch nicht gesehen. Man macht diese Tür auf und weiß gar nicht, was man erwarten soll. Da wird man schon süchtig nach.

Mit Zara Pfeifer in Alt-Erlaa

Text von Amar Priganica und Marie-Claire Gagnon
Fotos von Zara Pfeifer

Folgt Zara auf Instagram @zarapfeifer. Weitere Informationen findet ihr auf zarapfeifer.com.