Deep down Thomas Bo Nilsson’s Cellar Door

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Der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson hat mit seiner multimedialen Installation Cellar Door ein Monster geschaffen. Ein 504 Stunden lang dauerpräsentes, seelenfressendes Monster.

Nach einer kurzen Einführung oben, im Schauspielhaus, geht es in kleinen Gruppen nervös erregt durch die Kellertür, hinein in ein ungelüftetes Darknet, hinein in die sozialen Abgründe einer fiktiven Dorfgemeinschaft, die im Gaming-Rausch das Menschsein vergessen hat. Von der Ferne hörst du wummernden Techno und wimmernde Fighter.

40 PerformerInnen und Performer konstruieren hier unten einen 360 Grad Mikrokosmos aus Sadismus, Voyeurismus und allesdurchtriefender Gewalt. Die Akteure von Cellar Door sind physisch wie psychisch austauschbar: Robotergewordene Menschen oder menschgewordene Roboter im Berghain-Fummel. Seelenlose Spielfiguren, gefangen in einer Spirale aus Unterdrückung und Schaulust.

Nilsson ist ein Detailfetischist: An maroden Wänden kleben vergilbte Kinderfotos und Tierposter, auf schmuddeligen Sofas trinkt man Energy Drinks; es riecht es nach frisch gebrühtem Filterkaffe und befleckten Bettbezügen; in den Schmuddelecken — und davon gibt es viele — liegen Dildos mit Jesus-Applikation, alte Brigitte Hefte und blutige Slips. Ein labyrinthischer Kellertrakt in Ulrich Seidl Ästhetik — nur ohne schützenden Bildschirm zwischen Zuschauer und Akteur.

In Cellar Door, das wird dir bald schmerzlich klar, musst du raus aus der bequemen Rolle des passiven Zuschauers; nachforschen und nachfragen, wo es weh tut. Zwei überdrehte Mädchen, die auf zu viel Make-Up stehen, werden vom Vater vergewaltigt. Ein geistig zurückgebliebener Junge, der sich Rainer nennt, hat Sex mit seiner Schwester; grinsend fragt er dich nach einem Kondom. Beklemmend ist das medienerprüfte Gefühl, dass das, worauf man hier Bezug nimmt, wirklich stattfindet. Vielleicht sogar im Nachbarhaus.

Die Beklemmung lässt auch zuhause nicht nach. Deine Neugierde wird dich später, im Schutz der eigenen vier Wände, dazu bringen, unter geheimnisvollem User-Namen im Livestream des Online-Forums zu verfolgen, wie sich halbnackte Jünglinge räkelnd für den nächsten Fight bewerben. Du bist für Boy 3, mit dem du symbolträchtig gerade noch ein Schluck Milch getrunken hast. Und fühlst dich auf einmal selbst wie die Königin des Kellers.

Genau da willst du — nach fast vier Stunden und massiven Bildern im Kopf — einfach nur raus. Schleich dich vorbei am arabischen Pferd, das dir dein Handy wegnehmen will, vorbei an der vom Orgasmus erstarrten, reglos auf dem Boden liegenden echten Königin der klebrigen Unterwelt. Links durch die Arena, die stockdunklen Pits entlang — war die Tür nicht vorhin noch offen? Keine Chance, hier aus eigener Kraft herauszufinden. Wenn du Glück hast, begegnest du einem von den wenigen freundlichen Fightern, der dir den Weg nach oben zeigt.

Oder du nimmst die Einladung des Mädchens auf dem gemütlichen King Size Bett an, einfach für eine Nacht hier zu bleiben. Oder zwei. Oder drei. Wenn du dich traust.

Cellar Door, eine 504-Stunden Installation von Thomas Bo Nilsson
von 14. April bis 06. Mai 2016 im Schauspielhaus Wien

Text von Nora Voit
Fotos von Luca Fuchs

Thomas Bo Nilsson