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Club Panamur – Hybrides Musikprogramm in Graz

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Wir sprechen mit Norman Palm über die Hintergründe des „club panamur“ – ein temporärer Club-Ort im Rahmen des Festivals „steirischer herbst“.

Als ich das erste Mal vor drei Jahren vom Festival steirischer herbst las, assoziierte ich mit dem Namen ein barockes Weinfest mit klassischer Musik. Ein Jahr später stolperte ich in meinem Facebook Newsfeed wieder über das Grazer Festival und zwar im Zusammenhang mit dem Künstlerduo Easter. Etwas verwundert begann ich zu recherchieren, denn wie sollte die avantgardistische Band Easter mit meinen Vorstellungen vom „steirischen herbst“ übereinstimmen?

Überrascht stieß ich auf ein progressives Kunstfestival, das seit vierzig Jahren verschiedene künstlerische Disziplinen in Diskurs setzt, verbindet und neue Produktionen und Prozesse initiiert. Kunst, Musik, Performance, Tanz, Theater, Literatur, Architektur, Neue Medien und Theorie entwickelten sich harmonisch aus der ursprünglichen Initiative lokaler Szenen heraus und weiß sich selbst als „einer der weltweit wenigen Festivals für zeitgenössische Kunst, das seinem Wesen nach wahrhaft multi-disziplinär ist“ zu beschreiben. Die Sektion der elektronischen Tanzmusik im diesjährigen Festivalprogramm bündelt sich im club panamur – „ein temporärer Club-Ort, ein Treffpunkt jenseits der Genre-Schubladen der Musikindustrie“. Um mehr über Konzept, Idee und Inhalte zu erfahren, sprach ich mit Musikkurator Norman Palm…

Elf Konzerte und DJ-Nächte rücken „subversive Musikformen“ in den Fokus. Wo lässt sich jenseits von banalen Adjektiven wie „hipp und exotisch“ der gemeinsame Nenner der MusikerInnen finden?

Das Wort »hybrid« trifft es eigentlich ziemlich gut. Das Thema des Festivals ist dieses Jahr die Verschiebung kultureller Kartografien. Es geht um ein sich veränderndes Verhältnis Europas zum Rest der Welt. Kultur ist demnach nicht als geschlossenes System zu begreifen, sondern als fluide Masse, die sich überschneidet, beeinflusst, vermischt und stetig verändert. In den Konzerten und Club-Nächten geht es um diese Unschärfen und Grenzüberschreitungen, einerseits im Stil, andererseits auch in den Arbeitsweisen, Biographien und Identitäten der Künstlerinnen und Künstler. In der Pop-Musik herrscht ja ein großes Bedürfnis sogenannte »Genres« zuordnen zu wollen, was eigentlich absurd ist, denn gerade die Kreuzung und das daraus entstehende Neue sind der Ursprung guter Pop-Musik. Für mich wird es da interessant wo die Kategorisierung scheitert, wo ich fünfzig verrückte und konträre Einflüsse und Wurzeln erkennen kann, es überhaupt nicht richtig beschreiben kann, trotzdem einen Zugang finde und dabei dann etwas ganz Neues erlebe.

Was heißt das konkret?

Konkret heißt das dann z.B. Aisha Devi – eine Künstlerin, die mit tibetanischen Wurzeln in der Schweiz aufgewachsen ist und die mittels spiritueller, fast schamanistischer Rave-Performances diese so verschiedenen Welten völlig überraschend  zusammenfügt. Oder Hailu Mergia, eine Funk-Legende in Äthiopien, wiederentdeckt von Awesome Tapes from Africa, dessen Solo-Aufnahmen aus den 70ern teilweise klingen wie hypnotische Kraut-Jams aus Düsseldorf! Da geht es mir darum zu verstehen wie und warum das alles zusammenhängt.
Viele Auftritte werden auch visuell sehr interessant sein, Aisha Devi und Perera Elsewhere arbeiten mit Video-Künstlern zusammen, Group A aus Tokio überschreiten die Grenzen von Musik, Mode und Performance-Kunst. Und dann gibt es ein Kollektiv wie die Flamingods das faktisch zwischen den Kontinenten in London und Bahrain arbeitet und in ihrem letzten Video fast dokumentarisch pakistanische Wrestling-Societies in Dubai portraitiert. Freie Assoziationen sind das, ungewöhnliche Konstellationen und Formen, viel Eigensinn und Experiment, exemplarisch für eine neue Denkweise von Pop, die global funktioniert und nach allen Seiten offen ist.

In Österreich finden sich die spannenden Stadtfestivals nicht unbedingt in Wien, sondern in Krems – das donaufestival – in Innsbruck – das Heart of Noise – oder in Graz – den „steirischen herbst“ und das Elevate Festival. Kann ein ambitioniertes Festival gerade außerhalb der österreichischen Hauptstadt besser gelingen?

Ja, es scheint in Österreich eine Tradition zu geben, auch abseits der Hauptstadt interessante Kulturerlebnisse zu ermöglichen, was natürlich super ist. Vielleicht kann man in einem kleineren Ort ein bisschen freier denken und unabhängiger entscheiden? Man muss nicht so genau schauen wer was macht und welche Sub-Szene man jetzt gerade ansprechen will. Der „steirische herbst“ ist eine Veranstaltung an der die ganze Stadt partizipiert, was ich in Berlin auf so hohem Niveau höchstens noch von der Berlinale kenne. Aber das ist toll, weil sich ein viel breiteres Publikum mit dem Festival beschäftigen kann und nicht nur diejenigen, die das Ganze eh schon nur noch in feinsten Nuancen betrachten.

Der „steirische herbst“ will nicht nur Strömungen abbilden, sondern auch Prozessen Anstoß geben? Inwiefern greift der „club panamur“ diese Idee auf?

Ja, das Abbilden allein bringt nichts, da kann man sich auch eine Dokumentation im Fernsehen anschauen. Du hast ja vorhin das Wort „exotisch“ erwähnt…

…kritisch allerdings.

Ja, es geht nicht darum etwas zu verpflanzen oder auszustellen. Es geht darum, mit dem Club einen Raum und darin Situationen zu schaffen, in denen man ganz nah an der Musik dran ist, sie konzentriert erlebt und interagiert. So spüren die Künstlerinnen etwas von Graz und umgekehrt. Zwischen der Musik und dem Publikum soll etwas passieren. Und zwar am besten etwas, was über den Abend hinaus bestehen bleibt. Mit dem diesjährigen Programm geht es aber auch darum bestehende Vorstellungen in Frage zu stellen und die Leute vielleicht sogar ein bisschen zu verwirren. Man soll sich z.B. bei Kairo is Koming denken »Wow, das klingt ja eigentlich überhaupt nicht nach Ägypten!« und weiter vielleicht »Warum denke ich eigentlich das Ägypten so oder so klingen müsste?« und »Was gibt’s denn da eigentlich noch so in Ägypten?«. So kann ein Abend Auslöser sein, sich näher mit einer Szene auseinanderzusetzen und, ich hab’s schon gesagt, Neues zu entdecken, den Horizont zu erweitern. Denn der kann gar nicht weit genug sein, heute.

Wenn dich der „herbst“ nicht in die Provinz ruft, bist du in Berlin beim Torstraßen Festival sowie bei anderen Musikfestivals und -projekten aktiv. Was reizt dich am „steirischen herbst“ und Graz besonders?

In Graz reizt mich vor allem das thematische Kuratieren. Also ein Musik-Programm auf die Beine zu stellen, was dem Leitmotiv der Festivalausgabe folgt, eine These untermauert oder diese in Frage stellt und so nicht nur ein musikalisches, sondern im besten Falle auch ein kulturelles oder politisches Statement liefert. Ein abwechslungsreiches Programm, mit gemeinsamen Nenner. Die meisten Musikfestivals sind entweder eine Kalkulation aus Angebot und Nachfrage oder ein Ausleben persönlicher Liebhaberei. Ich kann mich in ein Thema einarbeiten, kann recherchieren und so auf Musik stoßen, die einen Diskussionsbeitrag darstellt anstatt nur cool oder unterhaltend zu sein. So steht die Musik auf Augenhöhe mit den anderen Künsten und trägt auf ihre Art zum Diskurs bei. Das sind seltene Vorraussetzungen.

Der Künstler Georg Klüver-Pfandtner und der Architekt Stefan Beer „schaffen einen schillernden, vitalen Clubparasiten“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Es ging vor allem darum, einen ganz neuen Raum in Graz zu schaffen. Das Orpheum kennt man ja als Konzertort, als etablierte Spielstätte. Unser Club belagert diesen Ort, greift ihn an, krallt sich fest und macht so etwas Neues draus. Clubs sind ja immer mit einem gewissen Stil oder Publikum assoziiert, es ging uns um einen frischen Start, um einen unvoreingenommen Rahmen und nicht zuletzt natürlich um einen einzigartigen Ort. Aber zu viel will ich da eigentlich gar nicht verraten um den Überraschungseffekt nicht zu schmälern… das sollte man schon selbst entdecken!

Was sind deine persönlichen Highlights im Programm des „club panamur“ beziehungsweise welche Abende würdest du deinen Freunden wärmstens empfehlen?

Die alte Frage nach den persönlichen Hightlights! Ich finde natürlich alles toll. Diplomatische Antwort. Aber an dieser Stelle würde ich den Heterocetera-Abend empfehlen, mit den DJs Lotic, Kablam und WhyBe. Ähnlich spektakulär natürlich die Principe-Discos-Nacht mit Nigga Fox, Nidia Minaj und DJ Firmeza aus Lissabon. Aisha Devi habe ich schon erwähnt, Group A auch mit denen übrigens Minou Oram aka Hannah Christ auflegt, die bei Euch ja gerade eine sehr gute bzw. sehr frustrierende Recherche zur Unterrepräsentation weiblicher Musikerinnen veröffentlicht hat. Und so ganz persönlich freue ich mich sehr Hailu Mergia kennenzulernen, Hailu ist eine echte Legende und seine Musik wie von einem anderen Stern. Da bin ich dann schon auch Fan.