Radio 80000

„Bei großen Sendern gibt es 40 Tracks, die jede Woche 50 Mal laufen müssen.“

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Radio 80000

Warum sich die Gründer vom Radio 80000 gegen eine Kommerzialisierung wehren und lieber Vielfalt in die Münchner Musikszene bringen.

Das Münchner Radio 80000 sendet seit über einem Jahr unabhängiges Musikprogramm. Ohne Werbung und Sponsoring versuchen Felix Flemmer und Leo Bauer ihre Idee vom vielfältigen Onlineradio umzusetzen. Während ersterer auf einer Dachterrasse in Tokyo sitzt, arbeitet der andere im Designbüro an der Isar. Dann also ein Interview auf Whatsapp. So wird wenigstens alles gespeichert. 
Radio 80000 für die Ewigkeit.

Felix Flemmer: Es kann losgehen! Ich habe gerade zwei leckere Sommerrollen verzehrt und warte auf deine Fragen.

Dann gleich die wichtigste vorweg: Tokyo oder München?

Leo Bauer: Minga! Eindeutig. Felix, beantworte du die erste Frage. Ich gehe kurz auf die Toilette und da gibt es leider kein WLAN.

Radio 80000 – ein eigenes Radio für München?

FF: Der Name Radio 80000 steht für die Postleitzahlen Münchens. Jedoch ist Radio 80000 auf keinen Fall nur für Münchner. Der Standort ist München und daher bezieht sich auch vieles auf die Stadt. Aber allein der Fakt, dass die Hälfte der Hosts nicht in München geboren ist, oder andersherum Münchner im Exil sind, zeigt schon, dass das Radio 80000 auch international aktiv ist. Wobei München insofern eine Rolle spielt, als wir nicht nur online präsent sind, sondern auch Veranstaltungen organisieren.

Welche Lücke schließt das Radio – in München oder international?

FF: International geht es wohl weniger darum eine Lücke zu schließen als darum einen eigenen Beitrag zur Szene zu leisten. In München kann das Radio 80000 mit Sicherheit eine Lücke schließen und zwar die eines unabhängigen, nicht kommerziellen Radios, das versucht die Szene abzubilden – soweit es uns momentan möglich ist.

Was bedeutet für euch „ein nicht kommerzielles Radio“?

FF: Einerseits geht es darum wie die Radiosendungen aufgebaut sind. Dass es keine gesponserten Inhalte oder Werbung gibt. Aber das ist ja nicht alles. Wenn wir mit Radio 80000 Veranstaltungen in München planen geht es uns nie ums Geld oder darum wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es geht einzig und allein darum eine gute Party zu veranstalten, wo gute Musik läuft.

Warum wehrt ihr euch so gegen eine Kommerzialisierung des Radios? Glaubt ihr, dass die Qualität darunter leiden würde, wenn Radio 80000 wirtschaftlich erfolgreicher wäre?

LB: Ich glaube, dass man deutlich experimentierfreudiger sein kann und gewagtere Sachen ausprobieren kann, wenn man nicht aufs Geld schauen muss. Man kann ausgefallenere Konzepte in kleinen Locations umsetzen – das schätzen wir meiner Meinung nach besonders daran.

FF: Dass der Fokus bei Radio 80000 nicht auf Kommerz und Wirtschaftlichkeit liegt, heißt nicht, dass wir nicht wirtschaftlich erfolgreich sind. Du solltest mal meine neue Goldkette sehen. Wir weigern uns ja auch nicht mit irgendwelchen Firmen oder Clubs zusammenzuarbeiten, wenn wir so einen größeren Mehrwert schaffen können. Aber eben nur wenn wir trotzdem komplett frei in unserer kreativen Arbeit sind.

LB: Ich würde sagen, Radio 80000 zeigt, dass ein großer Geldgeber im Hintergrund nicht unbedingt notwendig ist.

Auf eurer Webseite steht, dass ihr eine Plattform für jedes Genre und jeden, der sich einbringen will, seid? Gibt es wirklich keine Grenzen? Ich denke da an eine ‚Bayern 3’-esque Sendung…

LB: Die Genreunabhängigkeit ist auf jeden Fall ernst gemeint. Aber der grundlegende und gemeinsame Nenner bei allen Shows ist die Qualität der Musik. Ich habe mich heute zufällig durch die Top 10 der deutschen iTunes Charts geklickt. Von Platz eins bis zehn –  nur Müll. Alles klingt gleich. Alles ist am Computer produziert – dieselben Samples und Sounds. Jede Kickdrum klingt gleich. Das ist nun mal gerade angesagt, aber so was repräsentieren wir einfach nicht.

Bei uns ist alles erwünscht, was aus konventionellen oder kommerziellen Musikproduktionen ausbricht. Es gibt auch wahnsinnig gut gemachte Popmusik. Und wir spielen auch zeitgenössische Musik bei Radio 80000. Es geht uns einfach um die Qualität der Musik. Dass die Musik, die wir spielen und über die wir reden, mit Herz gemacht ist.

FF: Bei so einem großen Radiosender wie Bayern 3 geht es ja auch nicht darum, dass sich der Radio Host überlegt, welche Musik er spielt. Da gibt es in der „Hot Rotation“ 40 Tracks, die jede Woche 50 Mal laufen müssen. So steht es im Vertrag. Das hat nichts mit einer bewusst getroffenen, qualitativ guten Selektion von Musik zu tun.

Ihr wollt keinen Nischensender, sondern für jeden hörbar sein. Welche Musikrichtung ist egal, bei Radio 80000 wird man fündig?

FF: Das wäre natürlich schön, aber so ganz ist das wahrscheinlich nicht der Fall. Es gibt sicher noch irgendwelche Leute, deren Musikgeschmack wir nicht vertreten.

LB: Aber in der Theorie geht es genau darum. Wir wollen die Shows nicht in Genres aufteilen und montags nur Hip Hop oder dienstags nur Techno spielen. Das ist Quatsch – qualitativ hochwertige Musik ist der gemeinsame Nenner. Wer seinen Horizont erweitern will und unvoreingenommen an die Sache rangeht, kann bei uns jede Show anhören!

FF: Wir wollen ja auch nicht unbedingt ein Musikdienstleister sein. Radio 80000 soll eher eine Ausdrucksform sein für alle, die mitmachen wollen. Wenn sich davon jemand angesprochen fühlt, ist das natürlich super. Wenn nicht, kann man nichts machen.

Radio 80000 gibt es jetzt knapp über ein Jahr. Habt ihr das Gefühl, dass ihr schon jetzt einen Mehrwert für die Musikszene in München liefert?

FF: Ja, auf jeden Fall: Vielfalt. In München geht es immer darum, ob sich eine Sache lohnt. Kannst du die Miete der Konzert Location zahlen? Kannst du dich mit einem Club finanziell über Wasser halten? Dadurch greifen auch Clubs, die anfänglich progressiv in ihrem Programm waren früher oder später auf massentauglichere Bookings zurück. Bei uns ist das anders. Wir kommen ursprünglich aus dem Designbereich. Radio 80000 soll nicht unser Business sein. Es soll nur um die Musik gehen. Das ist auf jeden Fall etwas, was wir zur Szene beitragen können.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass wir in Zukunft Leute aus der ganzen Welt nach München holen, die sonst nie hier auflegen würden. Ob das jetzt Bands oder DJs sind. Wir wollen einfach eine kreative Plattform kreieren für Menschen, die gerne gute Musik hören. So bilden sich auch neue Connections zwischen Leuten, die zuvor nicht miteinander gearbeitet haben.

LB: Es geht uns darum Filter und Ventil zu sein für Sachen, die in München bisher nicht stattfinden.


Gibt es eine Radio 80000 Utopie – wo soll es in der Zukunft hingehen?

LB: Darf ich? – Natürlich wäre es cool, wenn jemand irgendwann damit sein Geld verdienen könnte. Das müssen jetzt nicht Felix und ich sein. Aber wenn durch Radio 80000 einmal ein Arbeitsplatz geschaffen wird und wir nur noch die Schirmherrschaft haben, wäre das toll!

Wenn nicht nur die Hörer von kultureller Vielfalt profitieren, sondern jemand sein Leben aus dieser Sache finanzieren könnte. Wie auch immer die Mittel dafür zustande kommen, vielleicht durch Merchandise oder Events – nur bloß keine Werbung. Das ist bloß ein Gedanke. Ich will die Idee nicht relativieren, aber ich sehe es eher als großes Ziel, dass man nicht unbedingt erreichen muss.
 Wir wollen einfach möglichst viel auch offline stattfinden lassen und mit möglichst vielen Leuten zusammenarbeiten, das ist auf jeden Fall ein Ziel.

FF: Das ist dann aber keine Utopie, weil wir ja schon dabei sind genau das umzusetzen. Ich denke, unser Ziel ist einfach weiterhin aktiv sein zu können. Sich nicht demotivieren zu lassen, sondern einfach Kultur für München zu machen. Oder wo anders. In Wien vielleicht? Wer weiß…

Leo: “Gotta roll with the punches. The secret is not to get rich quickly, get rich slow and you earn every single dime.” – Das ist mir gerade dazu eingefallen. Reich natürlich im Sinne von beliebt, bekannt oder was auch immer.