Elevate Festival 2016

Auditive Vernetzungen beim diesjährigen Elevate Festival

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Elevate Festival 2016

Das Elevate Festival-Team über gemeinschaftliche Strukturen in der Festival-Programmierung, der künstlerischen Praxis, sowie der diesjährigen Kooperation „We are Europe“.

Die Jetztzeit ist mobil, anonym und vernetzt. Das Nebeneinander in Form von gemeinschaftlich denkenden Strukturen und Verhaltensweisen wird im Zuge der globalen Brüche, gerade in Europa, immer wichtiger und ebenso im künstlerischen Kontext sukzessive stärker reflektiert. Das Elevate Festival versucht sich in der diesjährigen Auflage als ein Akt der transnationalen Gemeinschaft, sowohl in ästhetischer, sowie konzeptioneller Form. Die Bühne wird als ein Ausschnitt begriffen. Jede in seiner eigenen Physiognomie, programmiert durch die verschiedenen Partnerfestivals. Es geht darum die musikalische Überschreitungen der Trennlinien von Sound, Genres, Nationalität und Diskurs in dialogischer Form zu versuchen. Dieser Austausch soll dabei sichtbar gemacht werden. Keine Förderung des Homogenen, sondern die der künstlerischen Verästelungen, diese nachzuzeichnen und Verwandtschaften zu finden. Anfänge zu zeigen und Vielheit zu bilden.

Das diesjährige Festival steht ganz im Zeichen der Initiative „We are Europe“. Die Partnerfestivals Nuits Sonores, das Kölner c/o Pop-Festival und das Resonate Live aus Belgrad sind diesmal zu Gast in Graz. Was bedeutet Europa als Metapher für gemeinschaftlich denkende Formate im Kontext Musik?

Europa ist der bunteste Haufen der Welt: auf rund 750 Millionen Einwohner kommen weit über 100 Sprachen, mehr als 30 Länder, eine Vielzahl an Kulturen, Minderheiten und Regionen. Politisch gesehen ist die transnationale Staatengemeinschaft ein Projekt aus dem Geiste der Aufklärung, der Menschenrechte und des Nebeneinanders von Vielfalt; realpolitisch hinkt der Status Quo der einstigen Utopie noch ordentlich hinterher – Stichwort Demokratisierungsbedarf, Lobbyismus, Alternativlosigkeit, Rechtsruck. Europa ist auf alle Fälle ein fruchtbarer Nährboden für komplett unterschiedliche Genres und Stile, es steht für Vielfalt, Dissonanz, Pluralismus, Polyphonie, Neugier, Abwechslung, Offenheit, aber auch für Emanzipation und Engagement. Das spiegelt sich hoffentlich auch ein bisschen im Programm des „Elevate“ wider.

Welche programmatischen Resultate haben sich aus dieser Vernetzung ergeben? Wie unterscheidet sich das diesjährige Line-Up zu den vorhergegangenen Festivals?

Bei der Kooperation mit „Nuits Sonores“, „c/o Pop“ und „Resonate“ haben wir versucht, die jeweilige Festivalidentität, also die überall anders verflochtenen Szenenetzwerke, Labelpartnerschaften und Genreschwerpunkte abzubilden und mit unserer Programmatik zu verbinden. Regionale Eigenheiten spielen in zeitgenössischer Musik oder Kunst heute sicher nicht mehr eine wahnsinnig große Rolle – wir sind alle vernetzt, mobil und über internationale Medien informiert – im Kern ist die Festivalpartnerschaft aber doch gelebter interkultureller Austausch.

Jedes der teilnehmenden Festivals verfügt über eine eigene Historie und damit einhergehend Spezialitäten, wie etwa bestimmte KünstlerInnen und Labels, die die Festivals zum Teil schon seit Anbeginn ihrer Existenz begleiten. Das trägt sehr stark zur jeweiligen Identität der Festivals bei und war bei der gemeinsamen kuratorischen Arbeit der Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Was die Vielfalt und Abwechslung anbelangt bekommen die BesucherInnen heuer in einem Festival gleich vier Festivals.

Welche Veränderungen der österreichischen Musikszene habt ihr festgestellt seit ihr das „Elevate“ gegründet habt?

Österreichische Pop-Musik erlebt seit einigen Jahren wieder eine Blütephase, da entsteht auch viel, das wir ins Programm aufnehmen, etwa wenn die Ränder zu Jazz, Soundart oder Live-Elektronik berührt werden wie bei Kompost 3, Elektro Guzzi oder diversen Künstlern aus dem Umfeld von Affine Records.

Was uns in der österreichischen Elektronikszene momentan fehlt, sind noch mehr Labels und KünstlerInnen mit eigenständigem Profil, die auch das Potential haben international zu reüssieren, in der Hinsicht ist eindeutig Raum nach oben vorhanden, vor allem wenn man den derzeitigen Status quo mit den 90ern vergleicht. Prinzipiell sehen wir vor allem im Veranstaltungsangebot Wachstum und eine große Diversifizierung.

Naturgemäß sind einige der früheren Akteure mittlerweile verschwunden, neues ist dazugekommen, andere Clubs und Festivals haben an Bedeutung eingebüßt oder dazugewonnen.

Wie sehr müssen Kulturschaffende inzwischen als UnternehmerInnen agieren?

Wahrscheinlich nicht mehr als immer schon. Auch im Mittelalter wurde man aus der Wohnung geschmissen, wenn man keine Bilder verkaufte oder keine Auftragsarbeiten von Adeligen an Land zog. Kunst beziehungsweise das künstlerische Feld, in dem Produktionsbedingungen und Arbeitsverhältnisse geprägt werden, hat sich demokratisiert. Heute kann jedeR KünstlerIn sein, statt Adelshöfe und elitären Mäzenatenkreise müssen sich KünstlerInnen halt mit den Vor- und Nachteilen des freien Markts auseinandersetzen. Mit Facebook, Instagram & Co sind zudem (relativ) neue Marketingtools verfügbar.
Manche spielen damit, manche verweigern sich, manche nutzen es wie Künstler-Ich-AGs für den großen Hype. Künstlerunternehmer mit fetten Werkstätten à la Leonardo DaVinci, Rembrandt & Co gab es vor 500 Jahren aber genauso wie es heute Jeff Koons, Damien Hirst & Co gibt, dasselbe gilt für die Musik. Avantgarde und „politische, rebellische“ Kunst treffen heute allerdings auf viel mehr Resonanz, man erwartet vom Künstler, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, ein Rebell zu sein – das hat sicher auch die kritische Reflexion des Kunstmarkts sensibilisiert.

Am Nachmittag Panels, am Abend Party – die Verschränkung von musikalischem Hedonismus und ökonomischen Fragen die Experimentalmusik betreffend ist inzwischen obligatorisch. Partynächte unter dem Deckmantel “politischer Diskurs”. Wie viel ist am „Elevate“ wirklich politisch und wie viel nur pro forma?

So erscheinen die Dinge vielleicht, wenn man sich in einer kunstaffinen Bubble bewegt, bei der nach jedem Kunstopening oder Symposium eine Auflegerei mit Party ansteht. Aber Fakt ist: Auch die in ihren Wurzeln gegenkulturelle Clubkultur wird von der Musikindustrie dominiert, von Mega-Festivals mit Millionenumsatz, Schaumparties, Großraumdiskos, Sponsoren-Deals und Trash-Clubbings –  da geht es um Kohle, „that’s it“. Es muss auch nicht überall ein intellektueller oder politischer Überbau gezimmert werden, die Welt braucht ihre hedonistischen Exile. Für das „Elevate“ ist die Kombination von Musik und Politik seit unserem Start vor über 10 Jahren Kernkonzept. In den letzten Jahren hat sich eine hohe Dichte an Festivals und Formaten entwickelt, die Kunst mit politischem Diskurs, DJ-Lines mit Vorträgen und Panels verbinden, das ist eine tolle Entwicklung, zu der wir vielleicht sogar das eine oder andere beigetragen haben – jedenfalls bekommen wir oft die Rückmeldung von anderen Festivals und Veranstaltern, sie motiviert und inspiriert zu haben. Das Besondere beim „Elevate“ ist vielleicht die völlige Gleichberechtigung zwischen Diskurs- und Musikprogramm – beides bedingt sich, beides gibt sich die Hand, und bildet in Summe eben etwas ab, das mehr als die Summe eines “normalen“ Musikfestivals und einer Konferenz ist.

Wie werden politische Fragestellungen nach Solidarität, Gemeinschaft und Vernetzung durch die auftretenden Artists umgesetzt (in ästhetischer oder künstlerischer Form, nonverbal und durch Rhythmen)?

Per se eben genau gar nicht. Das Konzept von Elevate besteht darin, unter einem gemeinsamen Schirm den beiden Bereichen Diskurs und zeitgenössischer Musik genug Raum zur Entfaltung zu bieten. Überschneidungen zwischen den beiden Sphären sind willkommen, aber nicht die zwingende Voraussetzung dafür, Teil unseres Programms zu werden.

In sehr einfachen Worten: Ebenso wenig wie SprecherInnen, die am Diskursteil des Festivals teilnehmen, über einen progressiven Kunst- und/oder Musikgeschmack verfügen müssen um eine Einladung zu erhalten, erwarten wir von teilnehmenden MusikerInnen, dass sie über ihr eigentliches Musik- oder Kunstschaffen hinaus politisch aktiv sind, oder eine politische Message in ihre Performances verpacken.

Natürlich halten wir die Augen offen nach Persönlichkeiten, die neben einem tollen musikalischen Output auch in politischer Hinsicht etwas zu sagen haben, zwingende Voraussetzung dafür bei uns aufzutreten ist dies aber ganz bewusst nicht.

Auf Festivals für elektronische Musik stehen immer noch viel mehr Männer als Frauen hinter den Laptops. Im Buch „Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik“ werden diese Männer beschrieben als: „Looking like I’m checking Emails, I’m not getting any females.“ Versucht ihr als Elevate Festival, das zu ändern?

Wir versuchen mit unserem Programm, das Verhältnis von weiblichen & männlichen KünstlerInnen und Diskursgästen ausgewogen zu halten, was im Diskursbereich des Festivals zugegebenermaßen leichter fällt.

Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan, auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, die Frage nach dem Geschlecht in den Hintergrund zu stellen. Aber wer meint, nur Musiker und DJs einladen zu können, weil es zu wenig spannende weibliche Acts gibt, der hat seine Recherche-Hausaufgabe nicht gemacht.

Am Elevate treten Acts unterschiedlichster Genres auf. Unter anderem: Swans, Anna von Hausswolff, Luke Vibert, In Aertenam Vale, Regis. Ist dieses „Von allem was dabei“- Line-up inzwischen wichtiger geworden als eine detaillierte Auseinandersetzung mit einem bestimmten Bereich voranzutreiben?

Es gibt jedes Jahr unterschiedliche stilistische Schwerpunktsetzungen auf einzelnen Festivalbühnen und -tagen, die sehr klare ästhetische Haltungen ausformulieren. In der Programmierung ist aber oft auch der Raum dazwischen spannend, also dort, wo es kippt, wo sich Genres berühren oder abstoßen. Damit lassen sich Wechselwirkungen, Reibungen und wechselseitige Bedingtheiten hörbar machen, die an der Herausbildung einzelner Stilrichtungen entscheidend sein können. Es entsteht ja nichts aus nichts – gerade in der elektronischen Musik mit ihren vielen Subgenres ist es reizvoll, die Verästelungen abzubilden oder scheinbar Unverwandtes in Beziehung zu setzen. Beim heurigen Festival ist die Vielfalt aber sicherlich noch deutlicher Programm als sonst, da ja alle Partnerfestivals ihre eigenen kuratorischen Anliegen mit nach Graz gebracht haben – immer in Interaktion mit unserem Musikteam, das war ein spannender, wahnsinnig fruchtbarer Prozess.

Was unterscheidet das „Elevate“ von den österreichischen Festival-Zeitgenossen wie dem Grazer Spring-, dem Kremser Donaufestival oder dem Innsbrucker Heart of Noise Festival?

Das „Spring“ ist ein reines Partyfestival mit teilweise hochkarätigem Booking. Mit „Donaufestival“ und „Heart of Noise“ gibt es viele Parallelen, man kennt und schätzt sich. Unser Schwerpunkt ist die starke Gewichtung von politischen Inhalten in Verbindung mit einem anspruchsvollen Musikprogramm, bei dem aber auch der hedonistische Aspekt nicht zu kurz kommt und das tendenziell mehr im Clubkontext verwurzelt ist als das bei den letzten beiden der oben genannten Festivals der Fall ist.

Was muss das „Elevate“ als Musikfestival zeigen und anbieten, um in den ökonomisch prekären Zeiten zu überleben?

Wir haben ein tolles Netzwerk an Partnern und Fördergebern, sodass wir in der Programmauswahl inhaltlich unabhängig unser Ding durchziehen können. Klar ist Cultural Entrepreneurship ein immer wichtigeres Thema, das vor allem avancierte Formate in Bedrängnis bringt und verstärkt auffordert, die Programmgestaltung nach ihrer Verkaufbarkeit zu bewerten. Aber wenn man sich Städte wie Amsterdam oder London anschaut – da hat Entrepreneurship im Kulturbereich bereits jetzt eine viel emanzipatorischere, unverkrampftere Konnotation als bei uns, obwohl man meint, ökonomisch vernünftiges Handeln hätte im Kulturbereich nix verloren, weil es ja um das Formulieren eines Gegenkonzepts zum dominierenden Buisness-Mindset gibt. Da kann man zurzeit einen Paradigmenwandel beobachten, den man mit kritischen, aber offenen Augen mitgestalten kann und soll.

Abschließend: Wie würdet ihr das diesjährige „Elevate“ in drei Worten zusammenfassen?

We Are Europe! 🙂

Text von Ada Karlbauer