Parken

Adventurous Music in Public Space – Parken

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Parken

Die KuratorInnen Shilla Strelka, Robert Schwarz und Bernhard Tobola über die experimentelle Musikszene in Wien und das Veranstalten im öffentlichen Raum.

Experimentelle Musik findet man in Wien, wenn dann in verrauchten, dunklen Clubs abseits der Innenstadt. Nicht so bei Parken. Die wöchentliche Veranstaltungsreihe im Sigmund-Freud-Park löst experimentelle Musik aus diesem Clubkontext und bringt sie an Orte, an denen man sie gar nicht gesucht hat.

„Es hat etwas von einem installativen Setting: ich bewege mich durch den Park und der Sound verändert sich mit – schleicht sich in unterschiedliche Szenarien ein.“

Was ist das Besondere an Parken?

Bernhard: Parken versteht sich als Veranstaltung, die es sich zum Inhalt gesetzt hat, experimentelle Musik im öffentlichen Raum zu präsentieren und das mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Kompromisslosigkeit im Programm.

Shilla: Mir geht’s vor allem um die Möglichkeit, unkonventionelle Formen von Musik an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich verstehe die Programmierung gar nicht so sehr aus einer gegenkulturellen Perspektive, sondern mehr noch aus einer vermittelnden.
Außerdem ist es für mich extrem spannend, was mit der Musik passiert, wenn man sie in den Außenraum verlegt. Sie breitet sich ganz anders aus und bekommt eine spezifische, atmosphärische Qualität. Es hat etwas von einem installativen Setting: ich bewege mich durch den Park und der Sound verändert sich mit – schleicht sich in unterschiedliche Szenarien ein. Das ist toll. Das genieße ich total. Es ist wie die Hintergrundfarbe einer Kulisse zu bestimmen.

Robert: Es steckt aber auch der Gedanke dahinter, das Sommerloch in Wien mit interessanten Konzerten zu füllen. Es geht uns einfach darum, das was uns musikalisch interessiert raus aus den geschlossenen Räumen bzw. dem Club in den öffentlichen Raum zu bringen. Gerade bei „edgy“ und „darker“ experimenteller Musik, hab ich immer noch das Gefühl, wenn das draußen geschieht, muss man sich fast fürchten, dass jemand kommt und sich aufregt – weil das für viele einfach nur lauter Lärm ist.
Es ist uns beim Soundcheck des ersten Parken auch bereits passiert, dass verklemmte 19-Jährige, die im Park abhängen, vorbeikommen und uns fragen, ob man die Musik nicht leiser drehen kann. Da sieht man ganz klar, das kein Bewusstsein für experimentelle Musik in Wien gibt. Abgesehen von House und „Summertime Feel-good Music“ Hintergrundbeschallung gibt’s im öffentlichen Raum nur sehr wenig.

Es wäre was ganz Anderes, wenn man auf so ein Format in Berlin stößt. Dort gibt es dieses Defizit nicht, da wäre das nichts Besonderes, dort kümmern sich andere Leute darum. Aber hier in Wien macht das halt niemand. Da liegt für mich die Motivation.

„Man braucht eine gewisse Freiheit – die wir mit Parken auch ermöglichen wollen.“

Warum unterscheidet sich Berlin von Wien hier so krass?

Robert: In Berlin gibt es halt eine richtige internationale Noise Szene und eine Szene für experimentelle Musik und Sound Art. Da hat das eine andere Tradition und dort leben auch wahnsinnig viele Leute, die darin involviert sind. Beispielsweise das N.K. in Neukölln, da hast du Noise-Konzerte gesehen, wo 200 enthusiastische Leute im Publikum waren. Und hier hab ich mich bis vor ein paar Jahren immer nur darüber aufregt, dass es dafür nicht wirklich eine Szene gibt.

Bernhard: Was man braucht ist einfach ein gewisser Nährboden. Und in dieser Hinsicht ist es in Berlin im öffentlichen Raum aber auch clubtechnisch einfach leichter, so etwas aufzuziehen. Es braucht einfach einen offeneren Zugang, wo man als VeranstalterIn auch nicht gezwungen ist, einen bestimmten Getränkeumsatz zu erzielen. Man braucht eine gewisse Freiheit – die wir mit Parken auch ermöglichen wollen. Die Freiheit, keinen kommerziellen Druck zu haben, und dass da auch nicht 2000 Leute zu den Veranstaltungen kommen müssen. Wenn die Veranstaltung wächst, dann wäre das schön, aber das soll auch ein natürliches Wachstum haben. Und das ist in Berlin einfach viel, viel leichter.
Ich denke, was Berlin noch von Wien unterscheidet ist, dass es dort mehr verfügbaren Platz gibt, – der so ähnlich wie der Sigmund-Freud-Park ist. Der erfüllt bestimmte Grundvoraussetzungen, die so eine Veranstaltung ermöglichen. Im Stadtpark etwa wäre so etwas wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Das bedeutet ihr habt euch bewusst für den Sigmund-Freud-Park entschieden?

Robert: Ja, man wird dort richtig in Ruhe gelassen.

Bernhard: Der Park ist halt einfach eine Verkehrsinsel, umgeben vom Lärm der Straße.

Shilla: Gleichzeitig ist der Park nach fast allen Seiten hin offen. Er ist rund um die Uhr begehbar und wirklich groß, mit viel Himmel oben drüber. Es gehen viele Menschen dran vorbei. Das ist eine wirklich gute Ausgangssituation.

Bernhard: Ja, und der Sigmund-Freud-Park kann genau so ein Ort sein, der einen Nährboden ermöglicht, der auch andere anspornt und Auftrieb gibt. Es hat in den letzten zehn Jahren immer wieder mal diverse Bestrebungen gegeben, so etwas im Park zu machen und jetzt ist es möglich geworden.

„Ich muss auch hier etwas veranstalten – sonst fang ich an zu jammern, dass es das, was ich sehen möchte, hier nicht gibt.“

Was war das Problem und warum hat es diesmal geklappt?

Bernhard: Die Projekte sind oftmals einfach von der Stadtverwaltung abgeschmettert worden. In unserem Fall waren wurden wir von diesen Seiten unterstützt. Das ist als ein Signal zu sehen.

Robert: Man muss sagen, das war dieses Jahr alles schon sehr improvisiert und spontan. Bernhard, du hattest die Idee dort was zu machen, weil dir dieser Ort untergekommen ist, an dem so etwas wirklich möglich wäre.
Und sobald da ein Ort ist, der Sachen ermöglicht, kommen die Ideen, wie man diesen nutzen kann. Im letzten Jahr habe ich mit Kollegen eine Künstlerbar namens Los Bar in Los Angeles betrieben. Da war ich nach längerer Pause auch wieder als Veranstalter tätig und habe Performances organisiert und kuratiert. Jetzt wo ich wieder zurück in Wien bin, habe ich mir gedacht, ich muss auch hier etwas veranstalten – sonst fang ich an zu jammern, dass es das, was ich sehen möchte, hier nicht gibt.
Dann hat sich die Kombination von uns dreien ergeben. Und weil wir aus verschiedenen Richtungen kommen und kein eingesessenes Team sind, macht das die Sache nochmals zusätzlich frisch.

Shilla: Das kam auch wirklich relativ spontan zustande. Als Bernhard und Robert mich gefragt haben, ob ich Lust hätte mitzumachen, habe ich nicht lange gezögert. Das Tolle ist, dass sich alles total natürlich zueinander gefügt hat.

Ich hatte bis jetzt den Eindruck, die Stadt kann mit solchen Veranstaltungen nicht viel anfangen.

Bernhard: Natürlich war es im Vorfeld nicht ganz so einfach, dem Magistrat unser Konzept klarzumachen, aber ich glaube, das liegt eher daran, dass sie personell komplett unterbesetzt sind und nicht die Möglichkeiten haben, sich mit kleinen Veranstaltungen genauso auseinanderzusetzen wie mit den großen. Aber wir haben da schon einen gewissen Vertrauensvorschuss bekommen.

Robert: Jetzt bei Parken lassen sie uns die totale Freiheit. Wir haben alles in der Hand und dadurch, dass es so improvisiert war, war auch die Vorlaufzeit nicht so lange.

„Das ganze Projekt hat im Kern etwas sehr Familiäres, Freundschaftliches, und Kollektives.“

Ihr nehmt bei Parken keinen Eintritt. Wie finanziert sich die Veranstaltung? Könnt ihr den Acts eine Gage zahlen?

Robert: Es ist uns wichtig, dass wir jedem/r eine Gage zahlen, dass hier keine/r umsonst live spielt und auflegt. Die Gage ist natürlich auch immer am untersten Limit und das finanziert sich durch eine kleine Förderung der Sektion 8 der SPÖ und freien Getränkespenden – es wär natürlich cool noch mehr zahlen zu können.

Shilla: Das Schöne, aber auch Bezeichnende an der Sache ist, dass die Live Acts und DJs, die wirklich alle sehr eigenständige Ansätze verfolgen, durch die Bank positiv auf die Einladung reagiert haben. In so einem Rahmen zu spielen, ist einfach besonders.
Gleichzeitig kennen sie unsere Situation und sind solidarisch mit dem Projekt, im Sinne von: “Ok, da passiert jetzt was Gutes und die Leute, die das Machen, haben ein ähnliches Mindset und wir ziehen das gemeinsam durch”. Das ganze Projekt hat im Kern etwas sehr Familiäres, Freundschaftliches, und Kollektives. Das ist ansteckend.

Parken

Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen gibt es bei Parken drei KuratorInnen, die sich um die Auswahl der Acts kümmern. Hat das einen bestimmten Grund?

Robert: Das hat extrem viele Vorteile, vor allem weil wir drei nicht aus der gleichen Ecke kommen.

Man wird am Ende ein Programm sehen, dass wirklich sehr durchmischt ist, aber trotzdem zusammenpasst und zusammen das ergeben wird, wofür Parken stehen soll. Da geht es um eine Abenteuerlichkeit und um eine Vielfalt.

Bernhard: Ich finde das hat schon was sehr Exploratives. Es entstehen Kombinationen, die normalerweise nicht zustande kommen würden. Normalerweise würde ich mein Umfeld miteinbeziehen und Robert und Shilla ihres. Aber wenn man das durchmischt, gibt es gleich wieder andere Kombinationen. Ich hätte mir die Kombinationen, die ich jetzt in Wien so sehe, vor 3-4 Jahren noch nicht vorstellen können und finde es spannend, dass jetzt die Wiener Szenen auf neuen Pfaden wieder verwachsen. Ich hasse dieses Wort eigentlich, aber ich glaube man vernetzt sich wieder.

Shilla: Ich find das prinzipiell auch einfach eine schöne Idee, etwas im Kollektiv zu machen. Das setzt ein Zeichen nach außen, wenn man so etwas gemeinschaftlich angeht. Das gibt dem Ganzen Rückhalt. Die Leute können neu zusammenfinden, gleichzeitig merkt man, dass es eben viele Schnittmengen gibt.

„Das sind keine Quotenfrauen, das sind gute Künstlerinnen und insofern müssen wir uns hier nicht wahnsinnig anstrengen das zu erfüllen.“

Was ist euch beim Zusammenstellen des Programmes wichtig?

Robert: Uns ist es wichtig, Acts im Line-Up zu haben, die man nicht ständig hört. Wie zum Beispiel der Opening-Act Jim Brown, der zufällig aus L.A. gerade hier war. Wir können mit unserem Budget ja niemanden einfliegen lassen. Der gemeinsame Nenner ist das, was man als „adventurous music“ verstehen kann. Es soll einfach spannend sein.

Bernhard: Es macht total Spaß das Programm zu füllen. ProtagonistInnen gibt es genug, die muss man nicht suchen in Wien. Uns war uns schon ein Anliegen, auf jeden Fall immer mindestens eine Frau als Live-Act oder als DJ dabeizuhaben. Diese gewisse Vorbildfunktion ist uns wichtig.

Robert: Das sind keine Quotenfrauen, das sind gute KünstlerInnen und insofern müssen wir uns hier nicht wahnsinnig anstrengen das zu erfüllen, sondern das ergibt sich!

Shilla: Für mich war es beim Kuratieren zentral, dass die Live-Acts in so einem Kontext funktionieren. Es gibt Musik, die braucht Wände, die sie begrenzt, eine konzentrierte Umgebung, bestimmte technische Voraussetzungen oder ganz simpel gesagt die Nacht oder den Club.
Ich persönlich bin auf die Suche nach Live-Acts gegangen, deren Sound eine gewisse akustische Zerstreuung gut tut, oder die das für sich produktiv machen können – Ambient, Drones, Klangflächen, Sounds, die eine sehr spezifische Aura umgibt.

Mit der Reihe Struma+Iodine veranstalte ich schon seit vier Jahren sogenannte experimentelle, elektronische Musik. Für mich ist es also auch um die Frage gegangen, welche Möglichkeiten dieses Setting im Gegensatz zum Clubraum bietet. Es geht nicht nur darum, Acts, die man gut findet, die Möglichkeit zu geben, den Außenraum zu bespielen. Da waren schon ästhetische Überlegungen mit im Spiel.

Vom musikalischen Konzept und auch von der visuellen Gestaltung hat mich Parken schon sehr an das Projekt in der Brunnengasse 62/1 erinnert. Da hat es auch wöchentlich freie Veranstaltungen mit experimentellem Anspruch gegeben.
Der große Unterschied liegt für mich aber vor allem darin, dass die Brunnengasse 62/1 zu einem gewissen Grad exklusiver war als Parken. Man musste schon konkret per Facebook davon erfahren haben, um hinzukommen. Parken hingegen erreicht aber auch Leute, die praktisch gar nichts mit der Musik zu tun haben.

Robert: Bei Parken ist es ist einfach anders, weil ja bereits Leute dort sind, die nicht absichtlich zur Veranstaltung kommen. Die Grenzen sind das letzte Mal ab einer gewissen Uhrzeit verschwommen. Irgendwann hat man nicht mehr sagen können, wer ist extra da und wer ist dageblieben. Das ist eigentlich das Nette.

Bernhard: Sicher lebt die Brunnengasse 62/1 in diesem Projekt ein wenig weiter, wie auch Tingel Tangel oder andere Projekte, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Parken ist aber auch ein Neubeginn und hat mit der Brunnengasse wenig gemein. Hier wie dort sind jedoch die Besucher fast gezwungen zuzuhören und was ich recht gern mache, ist, die Leute ein bisschen mit der Musik zu überfordern.

Robert: Genau das soll ja sein – man soll es niemanden recht machen müssen.

Shilla: Ehrlich gesagt hab ich mittlerweile nur mehr relativ wenig Gespür dafür, welche Musik Menschen überfordert. Ich sehe in dieser Art der Konfrontation eher ein Experiment. Klar, wenn man jetzt Harsh Noise programmieren würde, das wäre schon eher eine Provokation. Den AnrainerInnen, aber auch den Leuten, die einfach so im Park sitzen, gegenüber. Das machen wir nicht. Ich würde deshalb nicht sagen, dass wir exklusiv sind, weil wir nicht ausschließen oder uns verstecken oder abgrenzen wollen, aber es gibt bestimmt ein Gefühl der Verschworenheit, wenn man da gemeinsam im Park sitzt, redet, trinkt und gute Musik hört. Leute gehen einfach weiter, oder sie setzen sich dazu. Es fühlt sich an wie eine Insel.

Parken

Parken fand mittlerweile bereits mehrmals statt, was ist euer bisheriges Resümee?

Robert: Die Aufmerksamkeit bei Jim Brown’s Konzert hat mich wahnsinnig positiv überrascht. Es war eine besondere ZuschauerInnensituation. Die Leute sind wirklich im Kreis herumgestanden, waren still und haben zugehört und das ist wohl das Coolste, was einem als Veranstalter passieren kann.
Ein Konzert wie dieses ist etwas Einzigartiges in Wien. So etwas Selbstgemachtes, Selbstgebasteltes mit Eigeninitiative und ohne große Institution und Geldgeber dahinter, etwas das aus der Community kommt, gibt es im Freien selten und dafür gab es auch viele positive Reaktionen.

Shilla: Ja, es wird sehr respektvoll miteinander umgegangen. Es gibt ein größeres Bedürfnis nach solchen Projekten, als ich anfangs angenommen habe. Bzw. merkt man da erst, dass nicht alle auf Urlaub sind. Im Gegenteil: ein Großteil der Leute ist auch im Sommer in Wien und hat Lust auf Angebot. Das fordert eigentlich zum Weitermachen auf.

Bernhard: Ich hab dabei auch überhaupt nicht das Gefühl gehabt, in das Projekt mehr investiere als rauszubekommen. Sicher bin ich selbstständig und sollte mir überlegen wie ich meine Einkünfte bestreite (lacht) aber bei so einer Sache weiß man einfach, dass es das Richtige ist.

Parken findet noch bis Anfang September donnerstags bei freiem Eintritt statt.

Text und Fotos von Martin Rovan